Berlin : Eine Welt für sich

Ob Café oder Fitnessstudio – Homosexuelle haben ihre eigene Infrastruktur Dafür gibt es einen Grund: Die Diskriminierung im Alltag ist nicht beseitigt

Matthias Oloew

Eigentlich sollte ja nur der Abfluss repariert werden. Weil aber Monika Rohde und ihre Freundin sich einen Handwerker gesucht haben, den sie von Freundinnen empfohlen bekamen, sitzen die drei nach getaner Arbeit beieinander, plaudern und trinken Kaffee – obwohl sie sich bisher gar nicht kannten. Aber die drei haben sofort ein Gesprächsthema: die bevorstehende Parade zum Christopher Street Day. Da werden sie alle dabei sein. Die drei verbindet, dass sie alle homosexuell sind. „Ich versuche, immer Homo- Handwerker zu finden“, sagt die Hausherrin, „da gibt es keine blöden Blicke, wenn sie feststellen, dass es nur ein Schlafzimmer gibt, obwohl hier zwei Frauen zusammen wohnen.“

Berlins Szene für Lesben und Schwule beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf Bars und Cafés. Wer will, kann seine Reise im Homo-Büro buchen, seine Versicherung beim schwulen Vertreter abschließen, den Tanzkurs bei einer Schule für Männer- oder Frauenpaare belegen und das Auto bei der lesbischen Mechanikerin reparieren lassen. Und obwohl in Zeiten von Homo-Ehe und Antidiskriminierungsgesetz die Zeiten vorbei zu sein scheinen, in denen Homosexuelle sich offenen Anfeindungen ausgesetzt sehen, achten immer mehr Berliner Lesben und Schwule darauf, dass ihr Fitness-Studio homo-freundlich ist und der Apotheker ein Regenbogenfähnchen im Fenster hat und damit signalisiert: Hier werden Sie ohne schräge Blicke bedient.

Aber es gibt auch einen ernsten Hintergrund: Hunderttausende Besucher beim Stadtfest am letzten Wochenende, eine „Gay Night“ im Zoologischen Garten mit mehreren tausend Gästen, Regenbogenfahnen vor fast allen Rathäusern und einigen Luxushotels und die große Parade am heutigen Sonnabend täuschen ein bisschen darüber hinweg, dass es Reste von Diskriminierung immer noch gibt. Auch in Berlin. Zum Alltag 2006 gehören nämlich nicht nur tanzende Tunten in ausgelassener Sektlaune, sondern auch, dass Händchenhaltende Männerpaare angepöbelt werden. Nicht nur in den Randbezirken, sondern auch in Kreuzberg. Beispiele dafür sammelt das Überfalltelefon für Homosexuelle dutzendweise.

Diese Reste von Diskriminierung sind für Ute Zill zwar kein Grund, ihr Geld beim Einkaufen vorzugsweise in einen von Homosexuellen geführten Laden zu tragen, „aber ich achte darauf, dass ich ein Regenbogen-Aufkleber an der Tür sehe.“ Die Journalistin erklärt sich diesen Reflex mit der „Solidarität unter Lesben und Schwulen, die immer noch da ist.“

Und auch damit, dass sie sich in einer gleichgesinnten Umgebung wohler fühlt. Sie, die grundsätzlich Jeans und sehr kurze Haare trägt, erklärt das mit einer Standard-Situation: „In einem von Homosexuellen geführten Café muss ich mir zum Beispiel beim Gang auf die Toilette nicht anhören: Entschuldigung, hier sind Sie aber falsch.“ Wenn sie einen Handwerker braucht, horcht sie sich bei Freundinnen nach Empfehlungen um, oder schaut in den „Kompass“.

Das ist so etwas wie ein Berliner Branchenbuch für Homosexuelle, das neben vielen Adressen von Vereinen und Beratungsstellen auch die Anschriften von Ärzten, Buchläden, Anwälten, Umzugsunternehmen oder Friseuren enthält. Seit 1999 erstellt der Jackwerth-Verlag, der unter anderem auch das monatliche Stadtmagazin „Siegessäule“ herausgibt, das Verzeichnis, das zweimal im Jahr erscheint. Für den Projektleiter Ulrich Umland ist der rein werbefinanzierte „Kompass“ ein großer Erfolg: „Wir haben mit 84 Seiten angefangen, die neueste Ausgabe hat 160 Seiten.“ Von der Nachfrage – das Heft wird 40 000 Mal gedruckt und unentgeltlich ausgelegt – ist Umland keineswegs überrascht: „Es zeigt, dass der Community-Geist funktioniert.“

Oder fördert er auch die Herausbildung einer Parallelgesellschaft?

Diese Kritik geht Umland „zu weit, denn viele der Inserenten sind selber nicht homosexuell.“ Er schätzt den Anteil auf etwa 25 Prozent. Auch die Deutsche Bank inseriert. „In solchen Fällen geht es darum, bei der Zielgruppe seine Visitenkarte zu hinterlassen und Imageträger zu sein“, erklärt Umland. Das macht sie zwar noch nicht zum Bestandteil der lesbisch- schwulen Szene. Aber über diesen Umweg können Hemmschwellen abgebaut werden.

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