Berlin : Eine Werkstatt für Punks – und Hunde

Das Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg geht auch ungewöhnliche Wege, um Jugendliche von der Straße zu holen und sie an einen Job zu gewöhnen

Sigrid Kneist

Ohne Terror zur Arbeit? Kommt für Chris nicht infrage. Terror ist ein großer schwarzer Mischling aus Labrador und Rottweiler und ganz friedlich. Es sei denn, andere Rüden sind in der Nähe. Chris ist Punk, sein Hund gehört zu ihm. Jahrelang hat sich Chris, 21, auf der Straße durchs Leben geschlagen. Die Schule abgebrochen, mal hier, mal dort gelebt. Eigentlich nichts gemacht, außer mit den Kumpels auf der Straße rumhängen, trinken, schnorren, ein bisschen Schlagzeug spielen in einer Band. Jetzt will der 21-Jährige mit dem türkisfarbenen Haarkamm seinem Leben eine neue Struktur geben. Mit dem Hund an seiner Seite.

„Punks and Dogs“ heißt das Projekt in der „Werkstatt Vielfarben“ am Wismarplatz in Friedrichshain, in dem er ab Januar regelmäßig arbeiten wird. Zurzeit kommt er bereits stundenweise. Initiator ist das Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg, umgesetzt wird das Projekt vom Verein Karuna, der Hilfe für Straßenkinder und suchtkranke Jugendliche anbietet. „Bei den meisten Punks geht ohne Hund gar nichts“, sagt Fallmanagerin Christine Hilpert. Der Hund sei für sie der einzige verlässliche Partner.

Seit der Einführung von Arbeitslosengeld II können sie nicht mehr einfach Sozialhilfe kassieren, sie müssen auch etwas tun. Laut Hartz-IV-Gesetzgebung gilt als arbeitsfähig, wer mindestens drei Stunden am Tag arbeiten kann. Das klingt wenig, ist aber für die Punks von der Straße eine echte Herausforderung. Sie haben in der Regel „multiple Vermittlungshemmnisse“, wie es im Jobcenter-Jargon heißt. Etwa fehlender Schulabschluss, keine Berufsausbildung, Alkohol- und Drogensucht, Vorstrafen, physische und psychische Probleme, Wohnungslosigkeit. „Wir wollen die Jugendlichen rausholen aus demMilieu“, sagt Hermann Berger, im Jobcenter verantwortlich für die jungen Arbeitslosen, wohl wissend um die Kritik, die einem solchen Projekt auch entgegengebracht wird. Das könne man nur, wenn man sie dort „abholt, wo sie sind“. Notfalls eben mit ihrem Hund. Im vergangenen Jahr veranstaltete das Jobcenter dann ein Punkerfrühstück. Es kamen rund zehn Leute und die doppelte Zahl an Hunden. Die ersten erhielten einen Ein-Euro-Job im Tierheim Ladeburg in der Nähe von Bernau. Seit dem Frühjahr gibt es das Friedrichshainer Werkstatt-Programm, in dem kreativ gearbeitet wird. „Die Abbrecherquote ist niedrig“, sagt Hilpert. 15 Jugendliche arbeiten im Tierheim, bis zu einem Dutzend in der Werkstatt. Zwei ehemalige Teilnehmer machen inzwischen eine Ausbildung als Fahrradmonteur, eine als Köchin.

Die Jugendlichen lernen wieder, rechtzeitig aufzustehen, dem Tag eine Regelmäßigkeit zu geben. Sie können therapeutisch betreut werden, sagt Mark Lehmann, der pädagogische Leiter von „Vielfarben“. Neben ALG II erhalten sie 1,50 Euro die Stunde. Aber nur, wenn sie auch wirklich gekommen sind. Manche bleiben sechs Monate, andere länger. Je nachdem, wie sie sich entwickelt haben.

In der Werkstatt beschäftigen sich die Punks derzeit hauptsächlich mit Textildruck. Sie entwerfen die Muster, schneiden die Schablonen, laminieren die Vorlagen. „Wir machen Punkerklamotten und so“, sagt Ralf, 25. Die Sachen sind hauptsächlich für den Eigengebrauch. Denn verkauft werden dürfen sie nicht, da es eine gemeinnützige Arbeit ist. Ralf, ist bei „Punks and Dogs“ eine Ausnahme. Er hat die Realschule absolviert und in einem Kaufhaus eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Warum sein Leben eine Wendung nahm, die mit einem Dasein als seriöser Verkäufer nicht mehr in Einklang zu bringen war, lässt er offen. Seinen Kapuzenpulli ziert ein selbst gestaltetes Motiv „Bullen Terror – Punkrock Widerstand“ – er hat lange daran gearbeitet. Nicht so viel Spaß macht den Punks das Bemalen von Tellern und Tassen. Die sind aber ein guter Spendenbringer auf Weihnachtsmärkten, sagt Mark Lehmann. Weil die Jugendlichen aber auch wollten, dass es mit dem Projekt weitergeht, „sitzen sie manchmal wie die Heinzelmännchen und bemalen Tassen“. Während die Jungen arbeiten, liegen ihre Hunde friedlich in der Werkstatt. Jeder hat seinen festen Platz.

Seit Juli ist Leroy dabei. Er kommt mit den beiden Hunden Dackel und Bonnie. Auch er hat den typischen Lebenslauf von jemandem, dessen Lebensmittelpunkt die Straße ist. Das Jobcenter hatte ihn vorher zu einem Ein-Euro-Job auf den Friedhof geschickt. Da fehlte er zu oft. In der Werkstatt macht ihm noch das pünktliche Erscheinen Probleme, besonders nach dem Wochenende. Leroy hat sich zumindest ein Ziel gesetzt; er will seinen Hauptschulabschluss machen: „Wenn ich das hier schaffe, dann schaffe ich auch den.“

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