Berlin : Einer drängt, der andere bleibt kühl

Pflüger und Wowereit streiten miteinander

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Klaus Wowereit hat Sinn für subtile Gesten. Da traf er zum ersten Mal auf einem Podium mit seinem Herausforderer Friedbert Pflüger zusammen, die Luft stand im Raum, die Leute dampften am frühen Abend vor sich hin, Pflüger und der Moderator der Debatte zogen lässig die Jacketts aus – Wowereit aber schenkte sich ein Wasser ein und behielt sein graues Sakko an. Was bedeutete: Hier bringt mich niemand ins Schwitzen.

Tatsächlich wirkte der Regierende Bürgermeister im Streitgespräch mit Pflüger im Verlagsgebäude der Berliner Zeitung ganz entspannt im Hier und Jetzt. Was fast zu erwarten war. Bei dem Duell ging es wohl eher darum, ob einer den anderen in Bedrängnis bringen könnte. Pflüger versuchte es mit Fundamentalkritik: Rot-Rot stehe für 600 000 Stunden Unterrichtsausfall, 300 000 Arbeitslose, 500 000 Straftaten. Der CDU-Vormann weiß, dass er den Berlinern die Stadt nicht schlecht machen darf. Also behauptete er, Berlin könne „mehr“, versprach ein Ende der investitionslosen Zeit, einen Hauptstadtpakt, Industriepolitik – und blieb die Erklärung schuldig, wie Extra-Lehrer, Extra-Polizisten, mehr Studienplätze zu bezahlen seien.

Wowereit kam dagegen fast staatstragend daher, als er erklärte, wie wichtig es wäre, dass andere Bundesländer für die Studenten zahlen, die sie nach Berlin exportieren; als er zusammenfasste, was der Senat im öffentlichen Dienst, bei Betrieben, Energieversorgern, Krankenhäusern alles umgebaut hat und wie es gelang, den Haushalt auszugleichen, sieht man von jährlich 2,5 Milliarden Euro für den Schuldendienst ab.

So viel zum kühlen Regiermeister und dem drängenden Antipoden. Spannender war es, wenn die beiden mal unhöflicher wurden. Pflüger hat so oft gehört, er bediene im Pankower Moscheenstreit sozusagen fremden- und islamfeindliche Stimmungen, dass er Wowereit hier nichts durchgehen lässt. Noch drängender als sonst, wenn ihm ein Thema wichtig ist, verlangt er Fairness und bekräftigt, er habe nichts gegen Muslime, gegen den Islam – „eine große Religion“ –, gegen Religionsfreiheit, gegen das Baurecht – aber es müsse doch einer Bürgerinitiative auch gestattet sein, ein Bürgerbegehren zu unternehmen. Eben noch hat Wowereit ihn vorzuführen versucht, indem er Pflüger Unglaubwürdigkeit vorhielt. Da kommt ihm Pflüger mit seiner Grundsatzerklärung in Sachen liberaler, weltoffener Christdemokrat – und hält dem Sozialdemokraten vor, er meine es mit der direkten Demokratie nicht ernst.

So wurde das Wahlkampf-Warm-Up zum Streitgespräch, bei dem der eine sein Jackett nicht durchschwitzte, aber schlagfertig sein musste, während der andere erstaunlich viel Raum für Kritik und Ankündigungspolitik bekam. Wowereit spottete, er habe „Hochachtung vor dem, was Sie hier auch zu leisten haben mit dieser CDU“. Deren Kandidat schloss eine große Koalition nicht aus – Wowereit lehnte dankend ab. Pflüger steckte das ein und versprach Wowereit lang anhaltende Gegnerschaft: Auch Richard von Weizsäcker habe zwei Anläufe gebraucht, um ins Rathaus zu gelangen. wvb.

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