Berlin : Einer für alles

Die Findungskommission der PDS will heute ihre Vorentscheidung für die Gysi-Nachfolge treffen – und sucht noch

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Von Barbara Junge

Der Schock saß noch tief, als im Raum 408a des Preußischen Landtags am Donnerstagabend die Spitzen von Fraktion, Partei und die verbliebenen Senatoren über die Nachfolge von Gregor Gysi berieten. Die Entschlusskraft reichte gerade mal dafür, eine Findungskommission zu bilden. Ihr gehören Fraktionschef Harald Wolf, seine Stellvertreterin Carola Freundl, der Landesvorsitzende Stefan Liebich und seine Stellvertreterin Annegret Gabelin an. Heute Abend erwartet der erweiterte Führungskreis, der sich wieder im Abgeordnetenhaus treffen will, eine Vorentscheidung. Oder vielleicht auch nur ein Hoffnungszeichen.

Eine Persönlichkeit wird gesucht, die viele Bedingungen erfüllen muss: Sie muss von politischer Statur sein, den Gremien der Partei genügen, für den Westen der Stadt und damit die SPD tragbar sein. Und außerdem noch den Job wollen, dessen sich Gregor Gysi gerade entledigt hat. Doch die PDS in Berlin leidet nicht nur unter der schwindenden Zahl ihrer Mitglieder. Die Partei hat schon lange kein politisches Talent mehr hervorgebracht. Zumindest keines, das nicht sofort mangels anderer Talente in einem Amt unersetzbar wurde. Zwar sagt der PDS-Fraktionsvorsitzende Harald Wolf: „Wir haben ausreichend qualifizierte Leute.“ Aber tatsächlich ist die Berliner PDS, wie Giovanni Trappatoni sagen würde: „wie Flasche leer“.

Sachlich und recht nüchtern zogen die konsternierten Verantwortungsträger Bilanz. Gysis Nachfolger solle – wenn möglich – aus Berlin kommen. Gerade für das Amt des Stellvertreters des Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sei das eine zwar nicht unbedingte, aber doch relevante Voraussetzung. Auch wenn Harald Wolf noch am Mittag betont hatte, Kompetenz ohne Parteibuch sei kein Ausschlussgrund – in der Wirtschaftsverwaltung wollen die Parteispitzen nicht wirklich einen Parteilosen sehen. In eine Verwaltung, in der die parteilose Staatssekretärin Hildegard Nickel und der Sozialdemokrat Volkmar Strauch derzeit die Regie führen, müsse ein PDS-Politiker. Auch um der eigenen Glaubwürdigkeit halber. Die Schlussfolgerung war schnell gezogen: Die Berliner Sozialisten müssen auf die Suche in ihren eigenen Reihen gehen.

Zur Auswahl aber stehen vor allem Kandidaten mit einem Problem: unentbehrlich in anderen Funktionen. Ganz oben auf der Liste steht Harald Wolf. Kompetent, intelligent, Profi-Politiker, Haushaltsexperte. Wolf hat gleich zwei Haken. Zum einen hat die Fraktion Gewicht, weil Wolf ihr Vorsitzender ist. Zum anderen ist Wolf genau das gerne. Das sagt er nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch seinen Genossen. Wenn es nach ihm ginge, wollte er nicht Wirtschaftssenator werden. Wolf ist auch nicht gerade das, was man einen Kommunikator nennt. Genau das aber fehle der Partei im Amt des Wirtschaftssenators jetzt, sagt Wolf selber. Einer, der die Unternehmensbosse von SAP oder Universal ebenso charmant unterhält wie die Frauenverbände am 8. März, ist Wolf gewiss nicht.

Stefan Liebich? Die PDS war froh, in ihm einen Nachfolger für die langjährige Landesvorsitzende Petra Pau, die in die Bundespolitik entschwand, gefunden zu haben. Eigentlich will sie ihn nicht wieder hergeben. Auch wenn er ausgerechnet auch noch Wirtschaftspolitiker ist. Landesvorsitz und Amt in einer Hand? Dagegen spricht nicht nur die unerwünschte Machtfülle. Ein Verschleiß mit Gregor Gysi reicht den Genossen im Moment. Zudem ist Liebich mit seinen 29 Jahren noch sehr jung. Zu jung. Dass Liebich trotzdem im Kandidatenkreis verbleibt, ist eher ein Beleg für die dünne Personaldecke als eine wirkliche politische Perspektive.

Wolfram Friedersdorff? Der Bürgermeister von Lichtenberg-Hohenschönhausen ist gebürtiger Berliner und als ehemaliger Wirtschaftsstadtrat auch kompetent. Und er ist einer von der Basis der Partei. Der promovierte Betriebswirt genießt als Mitglied des Landesvorstands und Bezirksbürgermeister hohes Ansehen in der Partei. Und schließlich spielt bei der Nachfolgeentscheidung die mittlere Führungsebene der PDS eine nicht unerhebliche Rolle. Das politische Gewicht in der PDS hat Friedersdorff. Nicht ganz so sicher sind sich einige Genossen, ob er neben Klaus Wowereit tatsächlich die notwendige Statur haben würde. Ansonsten gilt bei den Spitzengenossen das Prinzip Hoffnung. Einige n wurden gar nicht erst laut ausgesprochen. Sie sollen erst gefragt werden, bevor sie gehandelt werden. Auswärtige Lösungen, heißt es.

Eines ist der Parteiführung klar: Gysis abrupter Abgang hinterlässt in der PDS eine Lücke, die größer ist als sie auf den ersten Blick aussieht. Und einen Ersatz für Gysi werden sie nicht finden. Wer sollte schon in einer Person die westliche Gesellschaft erobern, die real existierenden Problem des Berliner Kapitalismus ebenso verstehen wie verwalten und zugleich den Parteigenossen ein Garant dafür sein, dass es sich lohnt, in dieser Partei zu bleiben. Diese Stellenbeschreibung hat die Parteispitze deshalb gar nicht erst zu formulieren gewagt.

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