Berlin : Einer für alles

Gyrotonic, einst für malade Tänzer erfunden, hilft, Muskeln aufzubauen, die Haltung zu verbessern und den Rücken zu stärken. Wie das geht? Mit einer Maschine, an der man schwimmt, tanzt und turnt. Alles über einen neuen Trend

Norbert Thomma

Die Guillotine wurde von einem französischen Arzt gleichen Namens erfunden. Sie bestand im Wesentlichen aus einem senkrechten Gestell mit Führungsschiene und einem scharfen Messer sowie einer waagerechten Pritsche, an welcher der Delinquent mittels Hanfseilen fixiert wurde. Im Idealfall sauste das Fallbeil hernieder und durchtrennte Rückenmark und Halsschlagader in einem Rutsch. Es gab viel zu tun zu Zeiten der Französischen Revolution.

Heutzutage klingt es grausam. Dabei hatte sich der innovative Joseph-Ignace Guillotin von überaus hehren Motiven leiten lassen. Das Köpfen per Hand erforderte meist mehrere wuchtige Hiebe – ein qualvolles Prozedere für die Betroffenen. Doktor G. empfand seine technische Neuerung als eine im Sinne der Revolution zutiefst menschliche.

Dies bisschen Historie kann jedem helfen, der sich zwecks Heilung von Rückenleiden oder nur der allgemeinen Fitness wegen der Gyrotonic nähert. Denn irgendwann steht man in einer physiotherapeutischen Praxis und staunt. Staunt über eine hölzerne Gerätschaft mit senkrechtem Gestell, an welchem eiserne Gewichte hängen, Rollen, Seilzüge und Schlaufen. Davor steht eine waagerechte Bank mit beweglichen Seitenarmen. Normalerweise setzt bei vernunftbegabten Wesen nun der Mechanismus Erschrecken – Angst – Flucht ein. Dank Doktor Guillotin jedoch sagt die innere Stimme: Es ist human, sie meinen es gut mit dir – bleib da. Zumal die beruhigende Stimme der Trainerin sagt, es handele sich um ein ganzheitliches Bewegungskonzept, dem Trennendes fremd sei. Und im Übrigen heiße diese Konstruktion „pulley-tower“. Der englische Begriff weist auf die Herkunft New York und den Erfinder Juliu Horvath, einen ehemaligen Solotänzer, dessen Karriere wirbelbedingt endete.

Jetzt aber endlich an die Körperarbeit und... stopp! Als zusätzliche Motivation noch ein kleiner Exkurs zur absolut fittesten Frau der Welt: Madonna. Womit wohl erreicht die Sängerin ihre bewundernswerte Spannkraft? Richtig, durch Gyrotonic. So etwas erfährt man beim Friseurbesuch aus den Zeitschriften „Brigitte“ und „Amica“.

Die Basisübung, sagt die Trainerin, ist „arch and curl“, setzen Sie sich rittlings auf die Bank, drücken Sie die Beine nach innen, dabei richtet sich die Wirbelsäule auf, die Hände werden auf die beiden Ruderarme gelegt, die am Kopf der Bank wie Griffe angebracht sind, und führen nun kreisförmige Bewegungen aus, wobei sich der Oberkörper mal dehnt wie ein Bogen (arch), dann wieder einrollt (curl), die untere Lendenwirbelsäule (Bandscheibenopfer sprechen routiniert von LWS) drückt nach hinten, atmen Sie, atmen Sie, der Atem ist wichtig, durch die Nase wird die Luft eingesogen und durch den Mund ausgestoßen, in die Spannung hinein, es geht immer um den „contrast“, die Gegenbewegung…

Die Trainerin hat sich längst hinter den Klienten gesetzt, mit sanftem Druck schiebt sie da und dort und korrigiert Fehlhaltungen, wo Muskeln sich sperren und Gelenke schnappen. Ein wenig verwirrend ist das. Zuviel Verschiedenes will koordiniert werden, und der Körper reagiert bisweilen überfordert wie ein Pferd, das von Zügel und Ferse durch den Reiter widersprüchliche Anweisungen erhält. Da Novizen grundsätzlich unter Betreuung trainieren, renkt sich auch das wieder ein, und nach und nach gelingt es tatsächlich, in so etwas wie eine trockene Schwimmbewegung zu geraten, bei der gegen einen leichten Widerstand (stufenlos regelbar) angedrückt werden muss, ein einziges Ziehen, Schieben, Dehnen..., richtig angenehm, ja, doch.

Es gibt dann Übungen die „stirring“ (rühren) heißen, wobei beide Hände den Ruderknauf halten und der Oberkörper sich vorwärts-seitwärts streckt, wenn der Blick dabei über die Schulter geht, gerät die Wirbelsäule in Rotation – eine kleine Variation, es gibt überhaupt verflixt viele Variationen, sagt die Trainerin, so zweihundert vielleicht am „pulley-tower“, nun legen Sie sich mal auf den Rücken, die Füße zum Gerät gerichtet, sie fasst die Seile und legt dem Klienten die Schlaufen um die Handgelenke, nehmen Sie die Beine hoch und den Oberkörper, spüren Sie die Hilfe durch die Gewichte (ja!), das ist das „jackknife“, das Klappmesser, spüren Sie die Bauchmuskeln (oh ja!) und atmen Sie pressartig, so wie beim Yoga.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Klient ein wenig beleidigt. Er krafttrainiert seit Jahren präventiv gegen den nächsten Bandscheibenvorfall an (für Kenner: sein Malheur sitzt bei LWK 3 bis 5) und bekommt nun gyrotonisch bewiesen, wie wenig seine Muskeln dem „pulley-tower“ gewachsen sind. Andererseits sagt ihm die jahrzehntelange Erfahrung mit Orthopäden, Masseuren, Osteopathen, Physiotherapeuten, Chiropraktikern und Fitnessstudios, dass diese Übungen für den Rücken überaus sinnvoll sind (Kraft und Koordination plus Stretching) und bei entsprechender Praxis sogar Vergnügen bereiten können (sowie das Basisenglisch verbessern).

So langsam wird dem Klienten klar, wovon Timo Hildebrand so schwärmt. Der Stuttgarter Torhüter (Klinsmanns Nummer drei bei der WM) hat schon vor Jahren bekannt, sich durch Gyrotonic beweglicher zu machen, weil er bei nur 185 Zentimetern Körpergröße jedes bisschen Streckung in seinem Job gut brauchen könne. Dessen Trainerin nennt es Yoga mit Widerständen. Und die „Neue Zürcher Zeitung“ fühlte kürzlich am Gerät „rhythmisches Schweben“, wobei wie bei „Tanz, Tai-Chi, Yoga und Schwimmen ganze Muskelfunktionsketten“ beansprucht würden.

Nun legt sich die Trainerin auf den Rücken und sagt, sie demonstriere kurz „legwork“, das der Klient dann nachmachen könne. Sie hängt die Füße in Laschen, drückt die Lendenwirbel gen Bank, spricht „Nabel nach innen“ und zieht Gewichte hoch, so würden die Wirbel im Rücken auseinander gezogen, wechselt zu „dolphins“ (Delfine) und „cissoring“ (Scherenbewegung) und lässt ihre Beine elegant rotieren wie Helikopterflügel, so dass der Klient befürchtet, sie würde vom „pulley-tower“ abheben und durchs offene Fenster entschwinden.

Die Trainerin gesteht ganz nebenbei, sie sei auch Tänzerin, und es wundert den Klienten überhaupt nicht, dass ein verletzter Tänzer diese Therapie entwickelt hat und ihm andere Therapeuten erzählen, bei ihnen würden regelmäßig Tänzer der Staatsoper trainieren, auch Kati Witt versuche durch diese Übungen, der altersbedingten Versteifung zu entgehen und einen Ring aus Muskeln um die Wirbel zu legen. (Kleiner Klatsch am Rande: auch die Schauspielerin Uma Thurman sowie der ARD-Kasper Harald Schmidt sollen an diesem Gerät…) Und der Klient denkt sich: gute Sache, das. Und historisch gesehen geht die Entwicklung vom Delinquenten zum Klienten sowieso in Ordnung; Monsieur Guillotin würde sie begrüßen.

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