Berlin : Einer zu viel

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Von Andreas Conrad

Sitzt eine Schraube locker, ist das schlimm genug – doch nichts gegenüber dem Schrecken, den eine Schraube zu viel bedeutet. Man stelle sich einen Flugzeugmechaniker vor, der einen Motor Stück für Stück zerlegt, ein jegliches sorgsam geputzt und wieder zusammengefügt hat – bis auf eine allerletzte Schraube, deren ursprüngliche Position ihm partout nicht einfallen will. Was nun? Neu zerlegen und zusammenschrauben? Keine Zeit. Schraube einstecken und vergessen? Dagegen spricht die Berufsehre. Doch unser Handwerker weiß Rat: Er verschenkt das störende Objekt als Souvenir, ist es elegant losgeworden – und hat sich beliebt gemacht.

Das Brandenburger Tor war, wenn man so will, der Hilfsmotor der Geschichte. Vielleicht nicht das große Antriebsaggregat, aber der Blick auf die mal zerschossene, mal fehlende, mal eingemauerte Quadriga hat manches Politikerherz zu neuen Worten beflügelt. Wie also ist die Tatsache zu bewerten, dass ein Stein beim Zusammenbau übrig blieb, der nun flugs als Souvenir verschenkt wurde, statt die offenbar klaffende Lücke ausfindig zu machen? Beginnt das Tor demnächst, wenn nicht zu stottern, so doch zu knirschen? Wurden für künftige Besucher weitere Geschenke aufgeschichtet? Hat man das Tor hinter der Plane ausgetauscht und in der Asservatenkammer potenzieller Staatspräsente eingelagert? Wie viele derartige Tore gibt es noch? Eine berechtigte Frage, könnte man doch die Mauer aus all den verkauften Erinnerungsbrocken mehrfach zusammenfügen. Aufklärung täte dringend not, stattdessen gibt man Goethe verkehrt: Der Vorhang auf, und alle Fragen offen.

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