Berlin : Einfach günstig

Möbel für jedermann – in der Krise ist bezahlbares Design gefragt

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Vollholz. Mit schlichtem Design überzeugt das japanische Label „Muji“. Foto: promo

Die Schweden haben es der Welt vorgemacht. Design geht auch günstig. Für Preise, die kaum Gutes erwarten lassen, bietet das auf Masse und Selbstabholung ausgerichtete Einrichtungshaus Ikea Möbel im Skandinavienstil, die selbst nach mehrjähriger Benutzung nicht so schnell auseinander fliegen. Wer sich ohne große Kosten einrichten will, greift denn auch automatisch zum internationalen Ikea-Einheitsschick. In der „Pinakothek der Moderne“ in München ist dem erfolgreichen Ikea-Phänomen jetzt sogar eine Ausstellung gewidmet. „Democratic Design“ nennt sich die Show zum vierzigsten Ikea-Jubiläum. Das klingt fast so begeistert, als sollte die Ausstellung eine kuratierte Auszeichnung für soziales Einrichtungsengagement sein.

Nun hat Ikea den Leitspruch „Schönheit für alle“ nicht erfunden. Die Forderung vom guten und dennoch erschwinglichen Design ist so alt wie die Reformbewegungen vor über hundert Jahren. Schon die „Arts and Crafts“-Anhänger wollten nur Gutes für alle produzieren. „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ parlierte in den dreißiger Jahren am Bauhaus mit erhobenem Zeigefinger der Gropius-Nachfolger Hannes Meyer. Design für jeden zugänglich zu machen, war die Grundidee am programmatischen Bauhaus. Allerdings erwies sich die Vorstellung einer komplett durchgestalteten Lebenswelt am Ende dann doch als etwas zu hoch gegriffen – und auch ideologisch zu überfrachtet. Viele Entwürfe der Dessauer Kunsthochschule blieben schon wegen der verwendeten Materialien elitär.

In den fünfziger Jahren wurde die Designwelt mit den neuen Kunststoffen nicht nur bunter, sondern auch immer billiger. Kaum ein anderer Werkstoff kam dem hehren Anspruch einer „Verbraucherdemokratisierung“ so nah wie Plastik. Schlagartig setzte sich preiswertes Massendesign durch, allerdings mit negativem Beigeschmack. Der Werkstoff gilt bis heute als Symbol des kurzlebigen Wegwerfmaterials schlechthin: auch wenn Plastik längst Eingang in die höheren Designkreise erfahren hat. Dass die Kunststoff-Leuchte „Mayday“ („Flos“) von Konstantin Grcic relativ preiswert ist, erklärt sich vornehmlich durch ihre hohe Auflage. Überhaupt ist bezahlbares Design heute, wo Produktionsstätten in Billiglohnländer ausgelagert werden und eine Produktion in großen Stückzahlen kein Kunststück mehr ist, zu einem Alltagsphänomen geworden.

Während einerseits „Design“ noch als Prädikat begriffen wird, eine Art Zusatzleistung, die für Echtes und Authentisches steht, für etwas Besonders, das extra bezahlt werden muss, ist günstiges Design anderseits an jeder Straßenecke zu finden. Auch die großen Namen scheuen sich immer weniger, für ein Billigsegment zu entwerfen. Nicht nur für Ikea arbeiten gelegentlich die Stars der Szene wie die holländische Designerin Hella Jongerius. Avantgardeschmieden wie das englische Designerlabel „Established & Sons“, für das die Architektin Zaha Hadid ihre exklusive Möbelkunst in limitierten Auflagen zu horrenden Preise gestaltet, peppen ihre Produktpaletten wie zum Beweis der Hipness mit bezahlbaren Entwürfen junger unbekannter Designer auf.

Preiswert, so könnte man spekulieren, ist inzwischen cool. Wobei das alte, hochgesteckte Ideal, selbst Einkommensschwachen eine gewisse Lebensqualität und Würde in den Wohnungen zu ermöglichen, mit dem rein modischen Aspekt im Grunde nichts zu tun hat. Die Entwicklung einer funktionalen und qualitätvollen Grundausstattung verlangt schon eigene Überlegungen und nicht nur billig in der Masse nachgebaute Wohntrends einer übersättigten Designavantgarde. Mit der Wirtschaftskrise und den reduzierten Budgets, so wird in der Branche spekuliert, sei eine Art demokratisches Gestaltungs-Revival zu erwarten: eine Rückbesinnung zu weniger trendigen und mehr alltagstauglichen Designlösungen. Denn jede gestalterische Aufgabe hat noch immer ihre eigene Lösung gefunden.

Der deutsche Designer Peter Raacke brachte 1967 im Tumult der Studentenrevolte sein mit dem „Bundespreis der Guten Form“ ausgezeichnetes Pappmöbelsystem heraus: Angepriesen mit dem antibürgerlichen Slogan „Sitz für Besitzlose“. Passend zur Krise ist Raackes anspruchsloser Nomaden-Pappsessel „Otto“ inzwischen wieder neu aufgelegt worden. Wie dankbar der Markt gutes und dennoch bezahlbares Design aufnimmt, beweisen vor allem auch Einrichtungsentwürfe, deren Formen sich gleichsam namenlos mit der Zeit entwickelt haben. Die traditionellen japanischen Papierleuchten, die ursprünglich mal aus der Rinde des Maulbeerbaums handgefertigt wurden, sind seit Jahrzehnten ein beliebter Klassiker.

Ein anderes Konzept von Bescheidenheit verfolgt seit den achtziger Jahren die japanische Designmarke „Muji“, die inzwischen auch in deutschen Städten einige Filialen eröffnet hat. Statt den Markt mit immer neuen Innovationen zu überschütten, wird bei „Muji“, was so viel wie No-Brand heißt, das Über-Designen zurückgeschraubt. Obwohl renommierte Designer wie Jasper Morrison oder Konstantin Grcic für das Label entwerfen, wird mit ihren Namen nicht geworben. Ziel ist es, möglichst kostengünstig zu produzierten und die Objekte dementsprechend preiswert anzubieten. Dass viele „Muji“-Entwürfe so reduziert aussehen, als wären sie nicht ganz fertig geworden, gehört ebenfalls zum Konzept der Ehrlichkeit. Die Produkte geben sich ohne Designdrumherum als das, was sie sind: alltagstaugliche Designobjekte, die nicht die Welt kosten. Doch wie es so geht, ist auch dieses hehre Asketentum natürlich längst wieder Lifestyle.

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