Berlin : Einfach ist gut, kompliziert ist besser

Würden die Bügelbauten klassisch montiert, wären doppelt so viele Verkehrssperrungen nötig

Stefan Jacobs

Wenn sich heute die Hälften des ersten Bügelbaus über den neuen Hauptbahnhof neigen, werden Fachleute staunen und Laien sich fragen: Ginge das nicht auch einfacher und billiger? Alle anderen Gebäude werden ja auch an ihrer endgültigen Position errichtet und nicht um Scharniere bewegt wie Schranktüren.

Unter „Sondervorschlag“ firmiert die Idee der Bauingenieure, die erst im Nachhinein in die Planungsunterlagen kam. Es wäre genauso gut möglich gewesen, die vierstöckigen Gebäudebrücken auf klassische Weise aus einem Stück zu bauen. Allerdings hätte dann viel mehr Arbeit über den Gleisen getan werden müssen, so dass die Stadtbahntrasse mindestens sechsmal tagelang blockiert gewesen wäre. Nun reichen drei Sperrpausen: an diesem Wochenende sowie am 13./14. und 20./21. August, jeweils von Freitagnacht bis Montagfrüh vier Uhr. Einen offiziellen Kostenvergleich beider Varianten gibt es nicht – er ist auch schwierig, weil jede Sperrung einen immensen Aufwand verursacht: 710 Lokführer und 480 Schaffner arbeiten nach veränderten Dienstplänen, weil rund 180 Fernzüge pro Tag umgeleitet werden müssen. Außerdem werden zusätzliche Serviceleute, Wagen und Loks organisiert. Bei der S-Bahn sind sogar rund 500 Züge täglich betroffen – und hunderttausende Fahrgäste.

Entsprechend groß ist der Druck auf die Bauleute, pünktlich fertig zu werden. Im günstigsten Fall könnten die Gebäudehälften schon heute Nachmittag waagerecht liegen. Das größte Risiko für den Zeitplan ist Sturm. Zwar könnten die Stahlseile – vier Bündel à 30 Zentimeter zum Anheben, acht zum Senken – auch die vierfache Last halten, aber wenn die für die Nacht angekündigten Gewitterböen in die offenen Rohbauten fahren, wird die gewaltige Maßarbeit schwierig. Wenn die 1250 Tonnen schweren Bügelhälften erst einmal mehr als 38 Grad gekippt sind, gibt es kein Zurück mehr.

Neugierige werden schon heute früh vom Spreebogenpark aus sehen können, ob alles klappt.

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