Berlin : Einfach weg – mit Kerzen und Lametta

Alarm im Roten Rathaus: Jeden Tag verschwindet der Adventskranz spurlos aus der Eingangshalle

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Draußen wurde es allmählich dunkel, Zeit fürs Frühstück. In meinem Kopf trugen Godzilla und die japanische Luftwaffe gerade ihr abschließendes Duell aus, ich drehte mich um und versuchte, auf dem Tisch die Packung mit dem Aspirin zu orten. „Aufgewacht?“, dröhnte eine Stimme, die meinem alten Kumpel Rainer gehörte, „wieder mal nach dem alten Schlager gelebt? Ein Korn im Feldbett, der macht immer high?“

„Bitte“, antwortete ich, „werd jetzt nicht auch noch komisch. Wie kommst du überhaupt hier rein?“

„Die Tür war offen“, sagte Rainer, und ich glaubte ihm. Er hat schließlich einen soliden Job als leitender Regierungsdirektor in der Senatskanzlei, schreibt Reden und macht allerhand anderen Kram für die Landesregierung. Das sah man ihm allerdings nur an, wenn er nicht, wie jetzt, in kreischbunten Joggingklamotten mit Pudelmütze unterwegs war. Er interpretierte mein schmerzverzerrtes Gesicht richtig, holte ein Glas Wasser aus der Küche und warf vier Aspirin hinein. „So, mein Lieber“, drohte er, „trink das, du wirst gebraucht.“

Ich trank erst und protestierte dann. „Was heißt hier gebraucht? Siehst du nicht, dass ich im vorgezogenen Weihnachtsurlaub bin?“

„Seit wann“, entgegnete er mit der ganzen Autorität der Besoldungsstufe A 16, „machen Privatschnüffler wie du Urlaub?“

Ich setzte mich ruckhaft auf. Das fühlte sich im Kopf an, als hätte Rainer mir den Turm des Roten Rathauses übergebraten. „Habe ich da gerade was von einem lukrativen Auftrag gehört?“ stotterte ich, als der Schmerz nachließ.

„So lukrativ, wie es unser Reptilienfonds hergibt“, antwortete er, „der Regiermeister ist auf achtzig.“

„Schon mal was vom polizeilichen Staatsschutz gehört?“, schleuderte ich ihm kühl entgegen. Ich kenne den Verein und würde da immer noch arbeiten, wenn ich nicht mal im Suff dem Polizeipräsidenten einen Bekennerbrief geschrieben und mit „Tupamaros Wuhlheide“ unterschrieben hätte.

„Hör mal zu“, sagte Rainer, „seit dem 1. Advent klaut jemand tagtäglich den Adventskranz unten im Rathausfoyer. Mit Kerzen und Lametta, das volle Programm. Wenn wir das dem Staatsschutz umhängen, dann trötet’s die Abendschau noch am selben Tag als Presseerklärung der Polizeigewerkschaft durch die ganze Stadt.“

„Das ist Al Qaida“, analysierte ich, „geht einfach in deren Büro und nehmt sie hops, dann hat sich das.“

„Blödmann. Wenn die das wären, würde sich der Kranz jeden Morgen selbst in die Luft sprengen. Also, was ist jetzt? Dreihundert pro Tag, und wir sagen’s nicht dem Finanzamt.“

Er kann manchmal sehr überzeugend sein.

Als wir im Rathaus ankamen, hatte sich der Nebel in meinem Kopf gelichtet. „Da ist doch der Kranz“, sagte ich scharfsinnig, aber Rainer nahm mir die Illusion von den leicht verdienten 300 Kröten. „Klar ist der da“, sagte er, „aber nur, weil wir jeden Tag einen neuen aufhängen. Der ist morgen wieder weg, garantiert.“

„Wer hat denn da bisher ermittelt?“, fragte ich und bekam die erwartetete Antwort. „Der Pförtnerdienst, wer sonst?“

Das war nicht viel. Ich ging zu einer Tür nur ein paar Schritte entfernt vom Kranz und drückte die Klinke. Verschlossen. „Nur eine Abstellkammer, soweit ich weiß“, sagte Rainer. Oben auf dem Rahmen der Tür hatte jemand mit Kreide „C+M+B 05“ hingeschrieben. „Hör mal“, sagte ich zu Rainer, „das ist doch Unfug. Warum sollen denn hier am 6.Januar Kinder vor einer Abstellkammer gesungen und sich auch noch da oben verewigt haben?“

„Berechtigte Frage“, antwortete er, „ich hol mal den Schlüssel.“

Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag

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