Berlin : Einfach wegschauen ist keine Lösung

Was tun gegen Rowdys im Bus? Alles hinzunehmen, ist falsch, sagen Fachleute Aber Zivilcourage nicht um den Preis einer Körperverletzung riskieren

Jörn Hasselmann

Unflätiges Verhalten in Bus und Bahn sei „modern“ geworden, bestätigt Susanne Bauer, die Präventionsbeauftragte der Berliner Polizei. Jugendliche ohne Perspektive bräuchten Aufmerksamkeit – wenn sie keine positive Bestätigung bekommen, dann eben im negativen Sinne. Bauer kennt die Klage, dass es „immer schlimmer“ werde. Dies aber stimme nicht. Rohheitsdelikte von Jugendlichen stagnieren, heißt es auch in der Polizeistatistik für 2005. „Rumpöbeln ist keine Gewaltkriminalität, die Jugendlichen drohen nur damit.“

Man muss unterscheiden zwischen Jugendlichen „mit großer Fresse und echten Schlägern“, sagt Bauer. „In der Regel machen die gar nichts.“ Doch diese Unterscheidung ist nicht einfach, oft sogar unmöglich. Viele Leser schilderten gestern Beispiele: Ein Mann berichtete, wie er in der U-Bahn einen Angetrunkenen bat, seine schäumende Bierdose wegzunehmen. Folge: „Der Mann hielt sich im Mittelgang an den Haltestangen fest, schwang einmal voll durch und traf mich mit beiden Füßen auf dem Brustkorb“, schreibt der Leser. Nach diesem Erlebnis sei er vorsichtig geworden, schreibt der Leser: „Wenn bestimmte Leute sich zurechtgewiesen oder gar belehrt fühlen, werden sie aggressiv.“ Dies bestätigt auch die Präventionsbeauftragte Bauer. „Aggressiv oder belehrend kommt man nicht weiter.“ Den Jugendlichen müsse man „auf Augenhöhe“ begegnen, ihnen eher schmeicheln, so nach dem Motto: „Du bist so groß und so elegant, du hast es doch gar nicht nötig, die Füße auf den Sitz zu legen.“ Man könne auch arabische Jugendliche ansprechen, sagt Bauer; Patentrezepte gebe es aber nicht.

Immer alles hinzunehmen und wegzusehen, ist falsch, sagt Susanne Bauer. Ohne Zivilcourage „entwickelt sich unsere Gesellschaft weiter in die falsche Richtung“, sagt Bauer. Diese Tipps gibt sie: Möglichst andere Fahrgäste oder Passanten dazuholen („Wir sagen denen jetzt gemeinsam, sie sollen das sein lassen“) und dem Angesprochenen körperlich nicht zu nahekommen. Wenn dieser aggressiv reagiere, sollte der Busfahrer informiert werden. Im Notfall helfe nur die Flucht. „Zivilcourage ist nichts wert, wenn es zur Körperverletzung kommt“, sagt Bauer, „dann lieber den Kürzeren ziehen“. Eine Bewaffnung mit Messern oder Reizgas sei grundfalsch. Dies provoziere nur. Der in der Regel wesentlich geübtere Täter werde die Waffe entreißen und gegen einen selbst einsetzen.

BVG-Sprecherin Reetz rät, immer den Busfahrer anzusprechen, wenn Jugendliche etwas beschädigen oder auch nur die dreckigen Füße auf dem Sitz haben. „Der hat direkten Kontakt zur Leitstelle und an der nächsten Haltestelle steht die Polizei“, sagt Reetz. „Wir sind stolz auf unsere Fahrgäste, die etwas sagen in solchen Situationen“, sagt Reetz.

Beata H. hatte etwas gesagt. Im März hatte sie in einem BVG-Bus mehrere Jugendliche angesprochen, die einen anderen verprügelten. Die ließen tatsächlich von ihrem Opfer ab – und schubsten beim Aussteigen die 58-Jährige einfach um. Monatelang litt sie unter dem komplizierten Armbruch. Einer der Täter war erst 13 Jahre alt und stammte aus einer arabischen Großfamilie. Susanne Bauer bestätigte, dass die Perspektivlosigkeit bei „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ verbreitet sei, „die wissen nicht, was sie in ihrer Freizeit tun sollen“. Wie berichtet, steigt der Anteil der Migranten unter den jungen Gewalttätern weiter. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte dies bei der Vorstellung der jüngsten Kriminalstatistik als „besorgniserregend“ bezeichnet. Besonders bei den Rohheitsdelikten war der Anteil ausländischer Jugendlicher deutlich um zehn Prozent gestiegen.

Doch Zivilcourage kann auch Leben retten, das zeigt ein Prozess wegen versuchten Totschlags, der in dieser Woche beginnt. Im Mai hatte ein Passant sich eingemischt, als drei jugendliche Vietnamesen in Friedrichshain auf der Straße auf einen Mann einstachen und traten. Von ihrem Opfer ließen sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft nur ab, weil der Passant sie dazu aufforderte. Das Opfer überlebte, erlitt aber bleibende Hirnschäden.

Informationen der Polizei gibt es unter www.berlin.de/polizei/praevention/gewalt.

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