Berlin : Einführung des Euro: Wer den Pfennig ehrt, muss den Cent lieben lernen

Mathias Wöbking

Horrorvision eines jeden starken Rauchers: In der Silversternacht 2001 die letzte Kippe aufgeraucht, treibt die Sucht am Morgen zum Zigarettenautomaten an der Ecke. Das Gerät will allerdings von dem vorbereiteten Fünfmarkstück nichts wissen: Vom 1. Januar 2002 an ist der Euro gültiges Zahlungsmittel in Deutschland.

Doch die Raucher müssen keine Angst haben. Den Nachschub an Nikotin wird es in den ersten Monaten nach der Umstellung für beide Währungen geben. Schon allein, weil die Betreiber der Zigarettenautomaten auf die DM-Münzen der eurolosen Kunden nicht verzichten wollen. "Das könnten wir uns nicht leisten", sagt Rainer Peters vom Automatenbetreiber "Tobaccoland". Dem bundesweit agierenden Unternehmen gehören in Berlin 20 000 Automaten.

Nach einem Szenario der Bundesbank werden jedoch 70 Prozent der D-Mark innerhalb von zehn Tagen aus dem Umlauf sein. Gleich mit dem 1. Januar 2002 etwa spucken die Geldautomaten der Berliner Bank und der Berliner Sparkasse nur noch Euro-Scheine aus, so Volker Winde, Sprecher der Bankgesellschaft Berlin. Weil mit dem Jahreswechsel nicht alle Zigaretten-, Parkschein- oder Spielautomaten sofort auf den Euro eingestellt werden können, haben jedoch alle Banken und Kreditanstalten in die Forderung der Automatenverbände eingewilligt und geben bis Ende Februar 2002 auch noch die alten Münzen heraus - allerdings nur auf Nachfrage und in kleinen Mengen. Denn eigentlich sollen gerade auch die Automaten das nationale Kleingeld aus dem Umlauf nehmen.

Die Bundesbank rechnet für Anfang 2002 mit einem Rückfluss von 28 Millarden D-Mark-Münzen, die zusammen ganze 98 500 Tonnen auf die Waage bringen. Kurzfristig sollen dafür allein in Berlin und Brandenburg 1,079 Millarden Euro- und Cent-Münzen eingeführt werden - bundesweit sogar 17 Millarden Geldstücke.

Nach zwei Monaten, in denen in beiden Währungen Handel betrieben werden kann, läuft am 1. März 2002 die Schonfrist der D-Mark ab, auch wenn die Banken die alte Währung, so Winde, "bis auf Weiteres" und die Bundesbank auf unbegrenzte Zeit noch gegen Euro umtauschen wird. Die Automatenwirtschaft aber will bis zu diesem Termin alle ihre Geräte umgestellt haben: eine "Jahrhundertaufgabe", heißt es in einem Papier des Verbands der deutschen Automatenindustrie (VDAI). Bundesweit werden dafür nach Angaben des Verbands Kosten von etwa 1,1 Millarden Mark anfallen. Allein rund 55 Millionen in Berlin, schätzt Jürgen Bornecke, Geschäftsführer des VDAI.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) rechnen für ihre Fahrscheingeräte mit Kosten eines "deutlich zweistelligen Millionenbetrags", sagt Barbara Mansfield, Sprecherin der BVG. Im Januar 2002 soll es schnell gehen: "Wir wollen versuchen, alle Automaten in einer Woche auf den Euro umzustellen", sagt Frau Mansfield. Bis Ende Februar sollen jedoch noch BVG-Mitarbeiter neben den Geräten stehen und die Tickets persönlich für beide Währungen zum Verkauf anbieten.

Mit der technischen Umstellung beschäftigen sich spezialisierte Münzprüferfirmen. Sie sitzen schon jetzt daran, Messgeräte zu entwickeln, die dann nur noch in die Automaten eingesetzt werden müssen, und zwar hinter den Geldschlitz. "Für uns ist der Euro schon morgen", sagt Christian Trenner von der Firma W.H. Münzprüfer Dietmar Trenner. Seit Juli 1999 haben die Fachleute an der Landeszentralbank in Hamburg Gelegenheit, den Euro aus Metall in besonders gesicherten Räumen zu vermessen. Aus den Ergebnissen entstanden die Rohtypen der Euro-Münzprüfer. Für die Feinabstimmung in mehreren hundert Testläufen verleiht die Bundesbank seit Juli dieses Jahres auch Euromünzen an die Hersteller.

Für Parkscheinautomaten sind in Berlin die Baustadträte der Bezirke zuständig. Auch in deren Ämtern muss nun entschieden werden, ob die alten Geräte um den Stichtag herum umgerüstet werden sollen, oder ob diese schon jetzt gegen neue Maschinen ausgetauscht werden, die am 1. Januar dann per Knopfdruck auf den Euro eingestellt werden können. "Technisch ist beides möglich.

Welcher Weg am Ende eingeschlagen wird, ist eine politische Entscheidung", sagt Thomas Guzatis, Geschäftsführer des Berliner Automatenbetreibers Kienzle-Argo. "Wir prüfen noch, welches der billigere Weg ist", sagt Dieter Paris aus dem Tiefbauamt Charlottenburg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar