Berlin : Eingebürgerte Türken gingen zahlreich zur Wahl

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Nach Einschätzung der beiden mitgliedsstärksten Vereine der türkischen Gemeinde in Berlin sind am Sonntag so viele türkischstämmige Berliner zu den Wahlurnen gegangen wie nie zuvor. Demnach könnte die Wahlbeteiligung der 40 000 Berliner Türken, die in den letzten zehn Jahren die deutsche Staatbürgerschaft angenommen haben, nicht wesentlich niedriger sein als die Gesamtquote für Berlin. "Gut 80 Prozent unserer Vereinsmitglieder, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, sind wählen gegangen", schätzte gestern der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde zu Berlin (TGB), Tacittin Yatk¤n. Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht. "Das sind nur Schätzungen aus dem hohlen Bauch heraus", sagte Safter Ǥnar, der Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg. In seinem Wahllokal in der Schöneberger Yorckstraße habe er wesentlich mehr junge dunkle Köpfe gesehen als bei den letzten Wahlen. Zudem hätten viel mehr Menschen in seinem Verein vor der Wahl um Rat gefragt. "Viele wussten nicht einmal, wie die Wahlzettel aussehen", sagte er. Seine Vermutung gründe auch auf der Basis dieses starken Interesses.

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Die beiden Vereinssprecher könnten mit ihrer Einschätzung durchaus richtig liegen. In den vergangenen zwei Wochen führten sowohl der TBB als auch der TGB mit Hilfe der türkischsprachigen Medien eine große Kampagne durch, damit möglichst viele eingebürgerte Türken wählen gehen. Zudem standen so viele türkischstämmige Politiker zur Abstimmung wie nie zuvor: Insgesamt 13 Kandidaten für das Abgeordnetenhaus und 23 Kandidaten für die Bezirksverordnetenversammlungen (BVV). Die Kandidaten wurden in den Zeitungen und Fernsehsendern ausführlich vorgestellt, ihre Wahlversprechen gegenüber den Berliner Türken schwarz auf weiß abgedruckt.

Insgesamt vier türkischstämmige Politiker - das ist einer mehr als in der letzten Legislaturperiode - sitzen nun im Abgeordnetenhaus. Einer von ihnen ist Özcan Mutlu von Bündnis 90 / Grüne. Ihm hat die türkische Kampagne jedoch nichts genützt. Er verfehlte in seinem Wahlkreis in Kreuzberg rund um den Mariannenplatz dieses Mal knapp das Direktmandat. Vielleicht deshalb, weil auch die FDP und die PDS türkischstämmige Kandidaten aufgestellt hatten. Dagegen hat Dilek Kolat nach eigenen Angaben in ihrem Wahlkreis in Friedenau, wo relativ wenige Türken leben, die meisten Erststimmen von allen Kandidaten in Berlin bekommen.

"Jetzt ist die Regierungsbildung dran", sagte Tacittin Yatk¤n von der Türkischen Gemeinde. Sein Verein werde in den nächsten Tagen zusammen mit dem Türkischen Bund die Parteien besuchen, damit sie bei der Koalitionsbildung Rücksicht auf die Interessen der Berliner Türken nehmen. "Wir müssen unsere Forderungen jetzt stellen, später geraten sie in Vergessenheit", sagte Yatk¤n. Er verlangt unter anderem die Abschaffung des Sprachtests bei der Einbürgerung.

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