Eingewandert und erfolgreich : Sarrazin diskutiert mit Elitezirkel der Migranten

Drei Gänge und drei Stunden dauert die Dinner-Debatte des "Clubs des 21. Jahrhunderts", in dem sich ambitionierte Migranten zusammengefunden haben. Zu Gast ist Bundesbank-Vorstand Sarrazin - und der hat eine eine ganz besondere Bedingung.

Ferda Ataman/Elisabeth Binder

Es ist Donnerstagabend, 19 Uhr 30, am Potsdamer Platz. An vier weiß gedeckten Tischen im roten Salon des Kaisersaals sitzen Professorinnen, Filmproduzenten, Anwälte, Unternehmensberater, Stiftungsvertreter und andere, deren Visitenkarten sich sehen lassen können. Die meisten hier müssen am Telefon ihren Namen buchstabieren, weil sie nicht deutsch klingen. Die rund 30 Anwesenden haben vor wenigen Monaten einen Elitezirkel gegründet – den „Club des 21. Jahrhunderts“. Ihr erster Gast: Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Bundesbank, SPD-Mann und Chefprovokateur in Sachen Integration.

Die Gästeliste wurde von den Organisatorinnen, der Journalistin Jaqueline Hénard und Zümrüt Gülbay-Peischard, Professorin für Wirtschaftsrecht, sorgfältig ausgewählt. Sie sollte bunt sein, aber ohne die üblichen Verdächtigen. So muss sich der 64-jährige Sarrazin etwa mit der eloquenten ZDF-Moderatorin Dunja Hayali oder einer türkischstämmigen Mitarbeiterin aus dem Kanzleramt über das Interview im Kulturmagazin „Lettre International“ auseinandersetzen, das Aufregung auslöste, weil es pauschale Äußerungen über Einwanderer beinhaltete, die einige als diffamierend werten. Über das, was an dem Abend diskutiert wird, darf nicht berichtet werden – das war Sarrazins Bedingung für eine Zusage. Doch dafür nimmt er sich Zeit: Drei Gänge und drei Stunden dauerte die Dinner-Debatte.

Am Ende steht für die Teilnehmer fest: Sie wollen weitermachen und weitere renommierte Gäste einladen. Vorbild für den Elitezirkel ist der französische „Club du XXIe Siècle“, der sich 2004 in Paris gegründet hat. Er ist die erste Adresse für alle farbigen und eingewanderten Franzosen, die Karriere gemacht haben und noch weiter kommen wollen. Im Vorstand des Pariser Clubs sitzt unter anderem Jaqueline Hénard, die nun zu den Gründerinnen in Berlin gehört. Die Berlinerin lebt seit 15 Jahren in Paris, und es ist ihr bewusst, dass beide Clubs sich vor unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Hintergründen entwickeln müssen.

Wichtig ist für sie der Erfahrungsaustausch. Es soll ein Forum und Netzwerk für diejenigen entstehen, die sich in den üblichen Stammtischdiskussionen gar nicht wiederfinden können. Hénard und ihre Mitstreiter wollen keine Migrantenlobby schaffen, sondern die Gesellschaft offener machen. Sie hofft, dass sich möglichst viele erfolgreiche Berliner Unternehmer, die zum Beispiel aus Vietnam, Russland oder dem Iran stammen können, beteiligen. „Wenn wir in Zukunft eine stabile Gesellschaft haben wollen, ist deren Partizipation am öffentlichen Leben wichtig.“ Der Club will in die Gesellschaft hineinwirken und auch Vorbilder schaffen für junge Migranten, Leitbilder für den Erfolg. Wichtig ist den Gründern, dass der Club multiethnisch wirkt, überparteilich und überkonfessionell.

In Paris beraten Club-Mitglieder ambitionierte Migranten und werden auch mal zu Mentoren. Dinner-Sprecher werden um Praktikaplätze gebeten. Man achtet darauf, dass die Diskussionen nicht polemisch verlaufen. So fand Hénard es mutig, dass Thilo Sarrazin „sich der Diskussion gestellt hat und nicht versucht hat, dem Publikum nach dem Mund zu reden“. Ferda Ataman/Elisabeth Binder

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