Berlin : Einheit mit den Tuareg

Ein Besuch der Herz-Jesu-Kirche in Prenzlauer Berg

G,a Bartels

Wuchtig, grau und steinern ragt die Herz-Jesu-Kirche in der Fehrbelliner Straße aus der Häuserzeile auf. Eine stolze Trutzburg des Glaubens, vor hundert Jahren im historisierenden Stilmix der Gründerzeit gebaut. Drinnen konkurrieren byzantinische Säule mit romanischer Kuppel – allesamt mit Heiligen und wild wuchernder Flora ausgemalt.

Seit den Gründerjahren der Gemeinde im Prenzlauer Berg hat die Nachfrage nach Seelsorge ringsum stark nachgelassen: Nur drei Prozent der Prenzlberger sind heute noch katholisch, sechs Prozent evangelisch und mehr als 90 Prozent gar nichts mehr. Trotzdem strömen Sonntagvormittag bei bestem Sonnenschein 200 Leute zur Messe, darunter auffällig viele Jugendliche und Kinder.

Der frische Wind im alten Kasten hat viel mit der Gemeinschaft Chemin neuf, also Neuer Weg, zu tun, die seit 1994 hier und in St. Adalbert lebt und arbeitet. Die Gruppe mit weltweit 1200 Mitgliedern gehört zur charismatischen Erneuerungsbewegung in der katholischen Kirche. Pater Emmanuel Pannier, der die Messe mit französischem Akzent zelebriert, ist einer von ihnen. Was die Gemeinschaft ausmacht? „Wir denken, glauben und leben die Einheit der Christen als ein kräftiges Zeichen für die Welt.“ Auch evangelische Christen können Mitglied der stark spirituell geprägten und aktiv missionierenden Truppe werden.

„Wir stehen kurz vor dem Jahresende“, beginnt er seine Predigt. Pfingsten gehe die Osterzeit zu Ende, und der Glauben erfülle und vollende sich in der Liebe und Einheit zwischen Jesus und Gottvater, die sich im Gebet offenbare. „Alles ist Gnade. Alles ist gegeben“, ist der Refrain von Pater Panniers sanftmütiger Predigt.

Und dann folgen praxisorientierte Tipps für die Kirchgänger: Einander geschwisterlich zu lieben und Fremde liebevoll aufzunehmen, stehe Christen gut zu Gesicht. „Liebe steckt an und schafft Einheit auch mit dem ganz anderen.“ Ein gutes Beispiel sei der inzwischen selig gesprochene, französische Mönch und Arabienforscher Charles de Foucauld, der sich 1917 in der algerischen Wüste sehr innig mit den muslimischen Tuareg angefreundet habe.

Und dann folgt eine wirklich selten in Gottesdiensten zu hörende Fürbitte. Der Pater betet um göttlichen Frieden für die eigene Kirche und auch für evangelische, anglikanische, orthodoxe und freikirchliche Christen. „Lass uns die Trennung überwinden und zur vollkommenen Einheit finden.“ Er selbst meint es offensichtlich ernst mit der Geschwisterliebe: Beim Friedensgruß läuft er händeschüttelnd die halbe Kirche ab. Er sei erst im Oktober aus Jerusalem zugereist, erzählt er später. Da ginge es viel religiöser zu als in Berlin. Aber auch hier gebe es Christen mit Herz, die was bewegen wollten.

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