Einheitsdenkmal : Plädoyer für den freien Blick

Die Debatte um die Gestaltung des Einheitsdenkmals ist verfahren. Dabei gibt es eine einfache Lösung: Der Sockel, auf dem gebaut werden soll, bleibt leer. So ist Platz für Gedankenspiele – bei den Besuchern.

Werner van Bebber
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Sicht der Dinge. Das Ensemble aus Dom, Fernsehturm, Marx-Engels-Forum, Rotem Rathaus, Kunsthalle und Staatsratsgebäude erzählt...

Es gibt nicht mehr viele Orte wie diesen in Berlin. Der Sockel für das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal ist längst zu einem Ort eigener Art geworden. Man kann hier Geschichte sehen, sogar in einer Panoramaversion.

Neun Stufen hoch, dann noch einmal drei, bis man deutlich oberhalb des Straßenniveaus auf einer Asphaltfläche steht. Ein Dutzend große, schwere Steinquader liegen an einer Seite, wer müde ist, kann sich auf eines der Fragmente des Stadtschlosses setzen. Rostige Dinge müssen eine Weile lang auf dem Asphalt herumgestanden haben, sie haben rotbraune Spuren hinterlassen. „Punk“ hat jemand weiß auf den schwarzen Grund geschrieben. Ein Fahrradschlauch liegt, eine leere Flasche Sekt von „Legras et Haas“ aus Paris steht herum. Anderthalb Liter passten hinein, genug für eine kleine Party an einem Ort, der wirkt, als sei er aus der Zeit gefallen, und dabei umstanden ist von den baulichen Manifestationen großer Berliner Zeiten und preußischer Zeiten, Hauptstadtzeiten.

Mit oder ohne Sektglas in der Hand sieht man das Deutsche Historische Museum, das Alte Museum, den Dom, die Ex-Palast-demnächst-Schloss-Baustelle, das DDR-Staatsratsgebäude, das Außenministerium der Bundesrepublik Deutschland. Ein Alter schlurft zum wasserseitigen Geländer des Denkmalsockels und guckt aufs Wasser: ein Touristenboot. Im Hintergrund: gar nicht mal so laute Autogeräusche und die unvermeidliche Drehorgelmusik. Angenommen, man wollte einem amerikanischen Freund zeigen, wie sich Preußen, dann das Reich, dann die DDR, schließlich das wiedervereinigte Deutschland baulich darstellen, dann wäre der Sockel des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmals dafür ein wunderbar Ort. So wie der unbebaute Potsdamer Platz mal ein wunderbarer Ort war, um einem amerikanischen Freund oder einem zehnjährigen Kind zu zeigen, was ein Krieg aus einer Stadt und aus einem Land macht.

Aber unbebaute Orte haben es schwer in Berlin und vermutlich in jeder Stadt. Gebaut werden muss, und der öffentliche Raum ist ein zu gestaltender. Seltsamerweise ist keiner von den mehr als 500 Beteiligten am Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal auf die Idee gekommen, den Sockel einfach so zu erhalten, wie er ist: Immerhin hat man hier einen absolut freien Blick. Würde man noch eine kleine Tafel anbringen mit der Inschrift: „Hier soll ein Denkmal der Freiheit und Einheit errichtet werden“, dann hätte man auch die Einheit im Sinn. Stattdessen ist den Preisrichtern beim Wettbewerb die Zuversicht abhandengekommen, was die beteiligten Künstler, Architekten, Designer, hoch renommierte Leute darunter, wiederum nicht verstehen können. Im Kronprinzenpalais, fünf Minuten zu Fuß von dem wunderbaren Sockel entfernt, kann man den Konflikt nun nachvollziehen. Auf zwei Etagen hängen die Ideen und Entwürfe des gescheiterten Wettbewerbs.

Wären nicht auch Skizzen von englischen, Schweizer, österreichischen und sogar armenischen Künstlern dabei – man würde sagen: Was sind die Deutschen doch für ein fantasievolles Völkchen. So muss man sagen: Die Vorgabe „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ lässt Interpretationen aller Art zu, es gibt fast nichts, worauf keiner gekommen ist. Es wurden in den Entwürfen Worte zu Groß-Plastiken, Stelen in Schwarz, Rot und Gelb aufgestellt, Treppen, Rampen und Türme gebaut, Ringe in vielen Varianten platziert, Tore, richtige große Raumplastiken auf den Sockel gesetzt, eine Glocke zum Schweben gebracht, die Mauer im Format 1:1,6 abermals aufgestellt, allerdings aus lichtdurchlässigem Beton. Es wurden Menschenbilder entworfen aus spielenden Kindern („Die lernende Demokratie“) und aus 22 unterschiedlich großen Figuren („Aufforderung zum Tanz“). Es gab stilisierte Adler und einen müden Reiter.

Mancher Entwurf ist so abstrakt, dass sein Erfinder gleich einen „Ort der Information“ mit eingeplant. Sonst wäre das Denkmal unverständlich. Eine Raum- Plastik als Einladung, sich zu informieren? Vielleicht wirkt das Holocaust- Mahnmal so. Ohne einen Ort der Information würde das Stelenfeld wirken wie eine verspielte Stadtmöbel-Aufstellung. Der Ort der Information verhindert, dass das Mahnmal zur Grabplatte über dem Umgang der Deutschen mit dem Holocaust geworden ist. Doch ist der noch leere Sockel der richtige Ort, um die Befassung mit dem Streben der Deutschen nach Freiheit und Einheit anzuregen und pointiert darüber zu informieren? Fünf Minuten zu Fuß entfernt, schräg gegenüber dem Kronprinzenpalais, steht das Deutsche Historische Museum.

Soll so ein Denk- und Mahnmal überhaupt informieren? Braucht es einen Ort der Information? Der frühere Kultursenator Thomas Flierl, ein Mann, der das DDR-Regime noch von innen kennengelernt hat, ließ am Potsdamer Platz den Sockel für ein Liebknecht-Denkmal wieder aufstellen. Das Denkmal hat es nie gegeben. Doch geht man von der Aufmerksamkeit aus, die der Sockel mit seiner Erläuterung bei Passanten weckt, denken täglich mehr Menschen an Liebknecht, an die Revolution und an das, was folgte, als wenn der Sozialist in Wachsfigurengestalt auf dem Potsdamer Platz stünde.

Liebknechts Sockel funktioniert nach dem Stolperstein-Prinzip, er irritiert die Leute. Das Holocaust-Mahnmal funktioniert im unterirdischen Informationszentrum nach pädagogischen Prinzipien. Der Sockel, auf dem mal Kaiser Wilhelm die ruhmreiche deutsche Geschichte personifizierte, funktioniert derzeit noch nach dem freiheitlichen Prinzip des Die- Gedanken-Laufenlassens. Im Grunde ist doch Berlin ein Stein gewordenes Freiheits- und Einheitsdenkmal. Da braucht es nichts mehr zusätzlich auf einem Sockel, der mitten in der Stadt so viel Freiraum schafft.

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