Berlin : Einkaufen an der Hasenheide: In der "Neuen Welt" brechen neue Zeiten an

Annekatrin Looss

Der Notenständer ist während der Bauarbeiten ein wenig eingestaubt. Überhaupt wirkt er deplatziert, wie ein melancholisch stimmendes Überbleibsel, sind die Nächte der legendären Konzerte in der Neuen Welt an der Hasenheide doch seit Jahren vorbei. Das Hämmern, Bohren und Drillen, das von der riesigen Baustelle hinter der ehemaligen Konzerthalle durch die Wände dringt, ist die einzige Musik, die derzeit am Rande zu hören ist: Das Einkaufs-, Freizeit und Erholungscenter "Neue Welt" soll hier entstehen. Insgesamt 153 Millionen Mark investiert die Leicher KG in den Bau, der vor einem Jahr begonnen wurde und Ende April des nächsten Jahres fertig sein soll. Der geplante Gebäudekomplex wird rund 27 500 Quadratmeter Gewerbemietfläche und 390 Auto-Stellplätze enthalten.

Das Herzstück ist eine Stahl- und Glaskonstruktion im hinteren Teil des Grundstückes, in der die Baumarktkette "Bauhaus" ihre größte Filiale in Europa eröffnet. Zur Zeit wird der Flachbau hinter dem historischen Gebäude mit den beiden markanten Türmchen abgerissen und Platz geschaffen für einen weiteren Neubau, in den später Einzelhandelsgeschäfte, eine Musikschule, ein Tonstudio und eine Bowlingbahn einziehen. "Wir wollen, dass die Neue Welt ein Stück ihrer traditionellen Bedeutung als Treffpunkt und Vergnügungsort wiedergewinnt", sagt Peter Christen, Vertriebskoordinator der Spar- und Anlageberatung AG (SAB), die das Baugeschehen koordiniert.

Bei der Gestaltung der Straßenfront orientierten sich die Planer an der historischen Vorlage. So soll ein gusseiserner Zaun samt Torbogen errichtet werden - wie vor rund hundert Jahren. Auch der Pavillon direkt neben dem Haupteingang, in den voraussichtlich eine Eisdiele einzieht, wird zumindest bei den älteren Neuköllnern einige Erinnerungen wecken, soll er doch fast originalgetreu nachgebaut werden.

In ihrer 120-jährigen Geschichte hat die Neue Welt in der Hasenheide schon viel erlebt. So feierten die Berliner nach der Eröffnung des Saales im Jahre 1903 hier um die Jahrhundertwende rauschende Feste mit schmetternden Militärkapellen und reichlich Bier. Während der Weimarer Republik trafen sich dann SPD und KPD zu Parteiversammlungen. Wohl aufgrund ihres verheißungsvollen Namens wurde die Neue Welt zu einer bei linksgerichteten Parteien und Gewerkschaften beliebten Veranstaltungsstätte. Zuletzt diente der historische Versammlungssaal als Konzerthalle, in der Künstler und Bands wie Iggy Pop, The Ramones oder Oasis spielten.

Auch in Zukunft sollen in der Hasenheide wieder Feste gefeiert werden. Zur Zeit verhandelt die SAB mit vier potenziellen Saalmietern, darunter zwei Brauereien. Bis Ende Mai soll der Nutzer feststehen. Die restlichen 90 Prozent des Komplexes sind bereits fest vermietet. So werden neben Healthland und Bauhaus auch Reichelt, Aldi, Drospa und die Berliner Bank ihre Kunden bedienen. Ob, wie Bismarck einst konstatierte, die Politik auch künftig im Reichstag und nicht in der Hasenheide gemacht wird, sei dahingestellt. Fest steht jedoch: Gegen Konzerte an jener Stelle hätte auch er bestimmt nichts einzuwenden gehabt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben