Berlin : Einlochen auf dem Kutter

Crossgolfer treffen sich an diesem Wochenende zum Turnier. Erster Abschlag: vom Dach des Universal-Hauses

NAME

Von Henning Kraudzun

In hohem Bogen fliegt der Golfball in die Spree, 70 Augenpaare schauen ihm hinterher. Wie auf Kommando recken sich nach dem eleganten Schwung von Matti die Hälse in die Höhe und versuchen, die Flugbahn zu verfolgen. Matti ist Crossgolfer und kommt vielen fast schon wie ein Profi vor. Sein Schlag, der den Ball 300 Meter in Richtung Kreuzberg befördert, wird mit lautem Gejohle gefeiert. Kein Wunder, dass er so gut spielt, denn die ersten Erfahrungen hat er bereits in der Kindheit gesammelt: „Ich hab damals für einen Golflehrer gejobbt und abends mit Kumpels geübt“, sagt Matti, der aus Bayern nach Berlin gezogen ist.

Rund 70 Crossgolfer stehen auf dem Dach des Universal-Gebäudes an der Oberbaumbrücke und schlagen der Reihe nach von einem kleinen Podest ab. Ziel ist ein Ausflugsschiff, das in beachtlicher Entfernung auf der Spree ankert. Genau genommen versuchen sie eine Couchecke auf dem Sonnendeck zu treffen. Obwohl viele mit einer Technik brillieren, als hätten sie zwanzig Stunden Privatunterricht bei Bernhard Langer genommen, bleiben die Treffer aus. Doch darum geht es eigentlich weniger: „Wer am Abend einen Pokal gewinnen will, muss eine gute Figur abgeben“, erklärt Torsten Schilling, Gründer der Hamburger Natural Born Golfers, die auf ihrer Deutschlandtour in Berlin Station machen. Viele Mitglieder seines Vereins sind bei den Turnieren gesetzt, der Rest wird ausgelost. „In Berlin wollten weit über 500 dabei sein“, sagt Schilling.

Auf Industrieflächen, Schrottplätzen, und Parkplätzen – überall finden die Crossgolfer interessante Orte für gewagte Abschläge. Wenn ein „Turnier“ wie in Berlin ansteht, spielen sie auf maximal vier „Löcher“, die jedoch überhaupt nichts mit denen auf der Driving Range gemein haben. Gezielt wird auf Klohäuschen, Baggerschaufeln oder Bäume – auf alles, was irgendwie markant erscheint. Heute zieht der Tross nach der ersten Station auf dem Dach zur Rummelsburger Bucht, wo von einem Schiff aus ein alter Opel am Ufer getroffen werden soll. Danach spielen sie auf dem ehemaligen Schlachthofgelände in Friedrichshain. Das letzte „Loch“ ist dann traditionell das geöffnete Fenster einer Kneipe, in diesem Fall das „Swing In“ am Nordbahnhof, ein schrulliges Flohmarktzelt mit Bar. Danach heißt es: Hoch die Tassen!

Traditionsbewussten Golfern, die schon flegelhafte Emporkömmlinge in den eigenen Clubs ertragen mussten, werden Crossgolfer mit ihren abgefeierten Klamotten und den zotteligen Haaren wie die apokalyptischen Reiter im eigenen Sport vorkommen. Statt Etiketten und strengen Kleiderordnungen wollen die selbsternannten Golf-Anarchos nur Spaß und Action. Als Alternative zur Mitgliedschaft im elitären Golfclub brauchen die Spieler nur ein paar Bälle für 50 Cent das Stück und einen Schläger vom Flohmarkt. Viele Spiele finden ohne offizielle Erlaubnis statt: „Wir werden fast nur geduldet, haben selten eine Genehmigung“, sagt Schilling.

Was er, vom Beruf Filmausstatter, vor zehn Jahren aus Langeweile während der Drehpausen betrieben hatte, nämlich Golfbälle in die Natur zu dreschen, hat mittlerweile zahlreiche Nachahmer gefunden. Er schätzt, dass allein in Deutschland 40000 Crossgolfer regelmäßig spielen. Die meisten haben sich in den E-Mail-Verteiler der Natural Born Golfers eingetragen. Mittlerweile ist aus dem Freizeitvergnügen von ein paar Freaks eine professionelle Organisation geworden. Seit zwei Jahren finden größere Turniere statt. Sponsoren zu finden, war dabei eine der leichtesten Übungen. Denn: Crossgolfen ist angesagter denn je.

Weitere Infos im Internet:

www.naturalborngolfers.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar