Berlin : Einmal heben sie noch ab

Die ILA bietet eine Sieben-Stunden-Show mit Doppeldeckern und Alpha-Jets. Morgen kehrt in Schönefeld wieder der Alltag ein

Lothar Heinke

Da! Der Neue! Die Leute im Shuttlebus vom S-Bahnhof Schönefeld zur ILA verrenken sich, um ihn zu sehen. „Wahnsinn. 45 Grad Steigung. Unglaublich“, ruft einer. Der „Neue“ , der da über die Felder rauscht, ist der Airbus A 340-600; die größte Passagiermaschine Europas scheint sich bei ihrem Höhenflug immer mehr zu strecken – der Vogel ist über 75 Meter lang. Punkt zwölf Uhr neun startet er, und wenn er wieder gelandet ist, darf man den fliegenden Omnibus Marke XXL ebenso bewundern wie alles, was auch heute noch einmal in Schönefeld durch die Lüfte fliegt, rast, trudelt oder rollt.

Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ist ein Unternehmen mit ungebrochener Anziehungskraft: Menschenmengen wälzen sich durch die Sicherheitsschleusen auf ein Gelände, auf dem immerzu etwas passiert: Am Boden fließt das Bier und brätelt die Wurst am Rande der Piste. Gleich daneben fegen die Maschinen los, von Ferngläsern verfolgt, bis sie nur noch als Punkt hinter einer Wolke verschwinden, aber urplötzlich mit einer eleganten Schleife umkehren, und schon rast der Silberpfeil am Volk vorbei, Steigen und Fallen – eine perfekte Sieben-Stunden-Show mit den fliegenden Männern in ihren tollkühnen Kisten.

Dabei ist man am Eingang zunächst etwas irritiert: Dort lehnen lässig Nato-Jungs aus USA an ihrem grauen Globemaster der U.S. Air Force, einem dicken fetten Bullen, dem schwere Kampfpanzer nicht einmal schwer im Magen liegen. Nutzmasse: 76 Tonnen. Immerhin haben sie den Bulldozer der Lüfte „The Spirit of Berlin“ getauft, so steht es am Rumpf. Und dass es gleich daneben eine Schweizer Super-Konstellation bis nach Berlin geschafft hat, ist auch nicht schlecht, denn die wird nächstes Jahr 50, und für unsere gute Tante Ju mit ihrem stotternden Alt-Gebrumm ist auch schon jeder Flug eine Rentnerreise.

Die Flugfolge ist dicht gedrängt. Alle fünf bis zehn Minuten rollen neue Typen an den Start: das Kunstflugzeug des Herrn Extra, mit dem Weltmeister Klaus Schroth seine atemberaubenden Loopings dreht. Oder sechs Doppeldecker im Verbandsflug, dann wieder Schweizer Segler, die ihre Rauchzeichen hinterlassen, gefolgt von acht Alpha-Jets, mit denen die Franzosen die Farben ihrer Trikolore in den Himmel malen. Nur wenige Meter voneinander entfernt rasen die Jets exaktemang übers Rollfeld, so präzise geflogen wie mutig gelenkt. Beifall.

Aber selbst der schönste Regenbogen wird, wie schon der Herr Goethe zu bemerken pflegte, nach zehn Minuten langweilig. So lassen wir sie durch die Lüfte sausen, bummeln durch Hallen und Hangars und blicken in den haushohen Bauch des Super-Transporters A 300-600 von Airbus Marke „Beluga“, den Kapitän Claude Feldman in die Höhe dirigiert – mit einem Abhebegewicht von 155 Tonnen. Flugzeugteile befördern sie mit diesem „Workhorse“ – auf der ILA versucht der private mit dem militärischen Komplex irgendwie in der Waage zu bleiben, dies ist schließlich auch eine Verkaufsschau, und so geraten wir, Schlange stehend, in einen Film, der uns den Eurofighter als waffenstarrendes Ungeheuer ans pazifistische Herz legt: Dramatische Musik untermalt den zerstörungswütigen Flug der Raketen, die immer da einschlagen, wo man Papyrosi raucht. Nanu? So ein Stück Strahlstahl aus dem Fundus von James Bond kostet schlappe 40 Millionen Euro, sagt das Mädchen am Ausgang, und wie bestellt hebt sich der echte Fighter „Typhoon“ heulend in die Luft, der Platz vibriert, die Düse brüllt, die Fußsohle kitzelt, der Zuschauer hält sich die Ohren zu, aber das mit Begeisterung.

Der Weg zurück ins zivile Dasein führt uns an einem kleinen Stand vorbei, in dem das Luftwaffenmuseum Gatow Original-Triebwerksschaufelstückchen vom „Tornado“ für zwei Euro verkauft. Das ist also das Los dieser Super-Jets, die auf der Piste in Gatow rostend von alten Zeiten träumen – übermorgen stehen dort auch die teuren Kampfmaschinen von heute, gut erhalten, ja, unbenutzt. Tröstliche Aussichten.

Geöffnet ist die ILA am heutigen Sonntag noch von zehn bis 18 Uhr. Das Ticket kostet 15 Euro, ermäßigt acht Euro. Kinder bis sechs Jahre haben freien Eintritt. Familienkarten zum Preis von 20 oder 35 Euro gelten für einen bzw. zwei Erwachsene mit einer unbegrenzten Zahl von Kindern bis zu 14 Jahren.

Zubringerbahnen verkehren alle 30 Minuten zwischen S-Bahnhof Schöneweide und dem Ausstellungsgelände.

Sonderbusse fahren kostenlos alle fünf Minuten vom S-Bahnhof Altglienicke und vom U-Bahnhof Rudow.

Autofahrer nehmen die A 10 bis Ausfahrt Rangsdorf, die A 13 bis Ragow, die A 113 bis Berlin-Grünau oder die Bundesstraße B 96a über Selchow-Tollkrug.

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