Einmal Wedding und zurück : Schlangen in der Badewanne

Nach der Schule kam unsere Autorin aus einer kleinen Stadt in Ostwestfalen in den Wedding. Ein guter Ort, um sich die Geschichten des Alltags zu erlaufen – und auch die eigene. Ein Blick zurück, die Badstraße hinunter.

Martina Bergmann
Martina Bergmann erlief sich einst die Geschichte und Geschichten des Wedding. Heute ist sie zurück in NRW. Foto: privat
Martina Bergmann erlief sich einst die Geschichte und Geschichten des Wedding. Heute ist sie zurück in NRW.Foto: privat

Die Badstraße fängt am Gesundbrunnen an und hört da auf, wo ich gewohnt habe. Exerzier-, Ecke Gottschedstraße: Ein halbes Hinterhaus, also eins, wo die Hälfte abgebombt worden war. Man hatte deswegen Schlauchwohnungen mit interessantem Schnitt. Echte Holzdielen, hohe Fenster, aufgrund der Hälftigkeit eine Etage für sich. Ich wollte die Wohnung unbedingt, und so kam ich in den Wedding. November 2002, ich hatte in dieser fernen Zeit kein Handy und keinen Computer, nur eine Mailadresse bei Web.de. Ich hatte also eine gute Anschrift gewählt, denn auf der Badstraße fiel die Zahl der Internetcafés nie in den einstelligen Bereich.

Gemüseläden gab es mindestens genau so viele, außerdem Bäcker und an verschiedenen Orten die Tageszeitung in ein paar Sprachen. Sie hatten da zu der Zeit keine Restaurants und Kneipen, keine Kinos – zumindest keine für Studentinnen aus Kleinstädten in Ostwestfalen.

Aber die Unterhaltung war auch so nicht schlecht: Man ging von A nach B und traf zwischendurch mindestens drei bemerkenswerte Personen mit spektakulärem Hintergrund.

Leute, die zu berichten wussten, wie nebenan letzte Nacht ein afrikanischer König verhaftet worden war. Dass in der Badewanne im Erdgeschoss eine Schlange lebte, die weltweit nur noch dreimal existierte. Dass doch gleich George Clooney in einer Stretch-Limousine vorbeigefahren käme, stand ja in der Zeitung, nicht gelesen?

Wo da die Realität in Träume überging, in eine Phantasie von einem anderen, aufregenderen Alltag? Ich wollte es nicht wissen. Dafür war mir das zu kostbar. Und wenigstens eine Stretch-Limousine kam dann auch wirklich vorbei; wer auch immer hinter den verspiegelten Fenstern gesessen haben mag.

Die zweite Hälfte meines Alltags fand damals statt in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Da sollte ich sowieso nicht schwatzen, sondern lesen und schreiben. Ich hatte den Wedding also erzählerisch für mich.

Abenteuer wie aus Grimms Märchen

Mit Borgholzhausen ist das heute nicht viel anders. Borgholzhausen ist eine sehr kleine Stadt am Rand von Nordrhein-Westfalen, sie liegt mitten im Wald. Ich habe hier eine Buchhandlung. Wenn sie im Wedding liegen würde, dann wäre sie dort, wo sich die Badstraße mit der Pankstraße kreuzt. Mittendrin also.

Die Badstraße heißt hier Freigeiststraße. Sie ist natürlich viel weniger voll, weniger laut, weniger schmutzig als die Badstraße. Aber auch hier gibt es Brot und Gemüse und Zeitungen und Internet. Und natürlich Anekdoten. Sie laufen hier genauso ungeniert herum wie auf der Badstraße im Wedding. Kaum stehst du wo, kommt einer dazu, und du gerätst in ein Abenteuer, das dem Räuber Hotzenplotz oder Grimms Märchen entlehnt sein kann. Die Aufgaben des teilnehmenden Beobachters sind Schweigen und Freude. Er soll das Erzählgeschenk als das annehmen, was es ist: eine Ablenkung.

Ich bin damals im Wedding viel herumgelaufen. Wenn ich nicht wusste, wie ich etwas formulieren sollte, wenn mein Kopf zu voll war, dann bin ich rausgegangen. Häuser und Straßen ansehen, Gemüse kaufen, Anekdoten treffen. Ich bin an der Panke entlang und weiter bis nach Mitte gelaufen, ich war an der Bornholmer Straße, wo noch Mauerreste standen, ich kannte aus Klaus Kordons Kinderbüchern viele Adressen und habe geschaut: Ja, die gibt es wirklich. Und ja, ich kann mir vorstellen, wie eng und elend die hier lebten. Eine Weile habe ich gezählt, wie oft am Tag ich die alte Sektorengrenze überquerte.

Schlüsselerlebnis: Brauseboys

Der Wedding ist ein guter Ort, um sich eine Geschichte zu erlaufen – auch seine eigene. Ich war aus Borgholzhausen mit achtzehn abgehauen. Zu klein, zu eng, alles Mögliche. Und ich dachte in meiner Eitelkeit, darin die Erste zu sein. Im Wedding aber war ich nicht allein als Provinzflüchtling. Schlüsselerlebnis: Brauseboys. Wedding-Kabarett. Und auf der Bühne stand einer, der früher in meinem Schulbus gesessen hatte. Er erzählte Geschichten von uns, aus der Grundschule. Das hat mich berührt. Ich fand nämlich, er erzählte Quatsch. Es war ganz anders gewesen. Und damit fielen mir die ganzen Geschichten von zu Hause wieder ein. Es war Zeit, zurückzukehren. Und es war auch Zeit, sich einzugestehen: Der Wedding ist aufregend, aber auch sehr arm, vor allem damals. Um einen Buchladen auf der Badstraße aufzumachen, hätte es noch mehr Größenwahns bedurft als hier in Borgholzhausen.

Meine Buchhandlung hat große Fenster. Die vorbeilaufenden Begebenheiten gleichen dem, was mir der Gemüsemann bei Yeni Bolu erzählt hat, sie sind so grotesk wie das Mitgehörte damals in der Kabine des Internetcafés, so eigenwillig wie die Farbvorstellungen des türkischen Frisörs. Sie sind Dekorationen meines Alltags, und ich brauche sie nicht auf einer Bühne vorzutragen. Ich bin ja mittendrin. Eine kleine Geschichte unter vielen anderen. Wie damals, auf der Badstraße. Man sollte unbedingt einmal in der Badstraße gewesen sein. Und natürlich in Borgholzhausen. Herzlich willkommen!

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