Berlin : Einpacken und auswandern

Vier Wochen haben die Händler auf dem Weihnachtsmarkt alle Hände voll zu tun. Aber was machen sie jetzt?

Viola Volland

Sie haben uns durch die Adventszeit begleitet – mit ihrem aromatischen Glühwein, ihrem kunstvollen Weihnachtsschmuck und ihren leckeren Maronen: die Verkäufer auf dem Weihnachtsmarkt. Doch was tun sie, wenn das Fest vorbei ist?

„Die Einnahmen vom Weihnachtsmarkt verwende ich für meine Auswanderung“, sagt Jana Brüning, die am Opernpalais in Mitte Erzgebirgskunst verkauft. Im Mai will die 22-Jährige Deutschland den Rücken kehren. Ihr Ziel ist das kleine Dorf Pembleton bei Vancouver in Kanada. „Die Menschen tun mir da viel besser. Auch beruflich habe ich in Kanada mehr Chancen. Es gibt dort einen Fachkräftemangel.“ Jana Brüning ist Tischlerin. Da sie selbstständig ist, hat sie keine Probleme, für den Weihnachtsmarkt einen Monat mit der Arbeit aussetzen. Seit sieben Jahren schon verkauft die 22-Jährige auf Weihnachtsmärkten Erzgebirgskunst. Erst am Stand ihrer Mutter, dann am eigenen. Und beim nächsten Mal? „Da bin ich auf jeden Fall wieder hier. Das Geld lasse ich mir nicht entgehen.“ Außerdem könne sie den Job auf dem Weihnachtsmarkt perfekt mit einem Besuch ihrer Familie verbinden.

Dagegen kann sich Glühweinverkäufer Micha nicht noch einmal für einen Job auf dem Weihnachtsmarkt erwärmen. Nein, noch einmal werde er sicher nicht in der Kulturbrauerei Glühwein ausschenken, sagt Micha aus Dresden. „Das ist nicht so mein Ding. Ich hoffe auch, dass das nicht mehr nötig sein wird.“ Der 36-Jährige ist eigentlich Betreiber eines Internet-Cafés. „Ich ziehe um, von einem Lokal in ein anderes, größeres. Vor März kann ich in da aber nicht rein.“ Der Weihnachtsmarkt sei deshalb für ihn nur „eine notwendige Überbrückung", um die Investitionen wieder reinzuholen. Als Zielgruppe habe er Touristen im Auge, die ihre E-Mails überprüfen wollen, erklärt Micha. Besucher aus den USA und Kanada. Warum er nicht in Dresden auf dem Weihnachtsmarkt arbeite? „Ich kenne die Veranstalter, so bin ich dazu gekommen.“ Den Wagen samt Gastronomieausrüstung hat er gemietet. Weihnachten wolle er wieder in Dresden sein, endlich wieder in den eigenen vier Wänden. „Momentan wohne ich bei Freunden.“

Was er nach Weihnachten mache? „Ich gehe nach Italien, nach Viareggio. Das ist meine Stadt“, sagt Aldo Bicicci. Seit fünf Jahren brät der 30-Jährige zu Weihnachten am Opernpalais seine heißen Kastanien aus der Toskana, allein 2000 Kilogramm in dieser Saison. Eigentlich habe er 1997, als er zum ersten Mal nach Deutschland kam, nur kurz bleiben wollen. Ein paar Monate auf dem Bau arbeiten – und dann zurück nach Italien. „Es ist dann länger geworden", sagt er. Wegen des Jobs am Opernpalais und wegen der Liebe zu einer Deutschen. Mit ihr ist der 30-Jährige inzwischen verheiratet. Von Oktober bis Januar lebt das Ehepaar immer in Berlin, den Rest des Jahres in Viareggio, wo der Kastanienverkäufer dann als Maurer arbeitet. „Ich freue mich schon, bald meine Eltern wieder zu sehen.“ Und auf das Segelboot, auf das freue er sich auch. Das kauft er sich, sobald er in Viareggio ist, unter anderem von dem Geld, das er auf dem Weihnachtsmarkt verdient hat.

Für Martina Erhardt steht indes fest: „Im Januar werde ich mich erholen.“ Und zwar zu Hause in Neukölln. „Urlaub kann ich mir nicht leisten. Für mich ist es in diesem Jahr nicht so gut gelaufen, weil das Geld bei den Leuten nicht mehr so locker sitzt“, sagt die 45-Jährige, die am Opernpalais Kleinkunst und Christbaumschmuck vertreibt. Im Rest des Jahres bietet Erhardt auf dem Flohmarkt am Steglitzer Rathaus und auf Internet-Auktionen ihre Waren an. Allerdings keine aus ihrem Weihnachtsrepertoire: „Das wird alles für das nächste Jahr eingemottet.“ Die Ware bezieht sie aus Haushaltsauflösungen und über das Internet. Seit 20 Jahren verdient sich Erhardt so ihr Geld. Auf eine Heizung hat sie an ihrem Stand verzichtet: „Strom kostet extra. Das ist meine Heizung“, sagt sie und zieht einen Handwärmer aus der Tasche. Im nächsten Jahr wird Erhardt weniger frieren müssen. Dann will sie nur noch am Wochenende auf dem Weihnachtsmarkt stehen.

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