Berlin : Eins, zwei, drei …

… Impfstoff aus dem Ei. Grippeschutz wird ausgebrütet

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Lastwagenweise rollen die Eier in Dresden zurzeit an. Zirkusstraße 40 ist die Adresse, Sächsisches Serumwerk des Pharmakonzerns Glaxo Smith Kline. Es ist aber nicht so, dass die Werksarbeiter hier so gerne Rührei essen. Es ist einfach so, dass Eier, herkömmliche Hühnereier, weiß und mittelgroß, jedes Jahr wieder das wichtigste Hilfsmittel sind für die Produktion von Grippeimpfstoffen. Man könnte sagen: Gäbe es das Ei nicht, würden Millionen Menschen sich im Winter millionenmal elender fühlen.

In den 30er Jahren hatte man entdeckt, dass Grippeviren sich in Hühnereiern am besten vermehren; es war ein großer Durchbruch in der Virologie. Denn vermehren muss man Grippeviren erst einmal, bevor man sie in Impfstoff umwandeln kann – „immerhin braucht der Weltmarkt im Jahr etwa 290 Millionen Dosen“, sagt Elisabeth Neumeier vom SerumWerk. Warum die Viren ausgerechnet Eier so lecker finden, ist jedoch bis heute nicht ganz klar.

Noch bevor es losgeht mit der Produktion, schickt die Weltgesundheits-Organisation WHO an alle Impfstoffhersteller weltweit – in Deutschland sind es zwei – das „Rezept“ gegen die aktuelle Grippe, genauer: gegen die drei voraussichtlich aktivsten und durchsetzungstärksten Viren der kommenden Saison. Teile der Oberflächeneiweiße dieser Viren sind später Hauptbestandteil des Impfstoffes. Mit der Injektion werden sie dem Immunsystem des Körpers vorbeugend schon einmal vor die Nase geballert, damit der sie im Ernstfall sofort wiedererkennt und eine Gegenreaktion einleiten kann.

Von diesen drei Viren kommen zunächst winzige Mengen im Serum-Werk an; Wissenschaftler sagen „Saatvirus“ dazu. Sie werden erst einmal in wenigen Eiern vermehrt. Der kleine Ertrag reicht, denn Viren lassen sich extrem verdünnen: Mit einem Milliliter lassen sich mindestens180 000 Eier mit Viren impfen. Wie viele Eier im Dresdener Werk pro Saison verarbeitet werden, gehört zum Firmengeheimnis, aber Experten anderer Firmen schätzen ihren Verbrauch auf eine halbe Million pro Woche. Die Eierlieferanten bleiben lieber im Dunkeln, denn: Immerhin sind es bebrütete Eier, die sie verkaufen, es ist also ein Embryo drin, das Virus braucht ja lebende Zellen, um sich fortzupflanzen. Und das hat den Firmen schon viel Ärger mit Tierschützern eingebracht.

Drei Tage lang haben die Grippeerreger Zeit, sich im Ei zu vermehren, genauer: in einer bestimmten Membran. Dafür werden sie „bebrütet“, also erwärmt. Wenn man das Ei dann aufschneidet, sieht man Reste von Eiklar und Dotter – und, wo die Viren injiziert wurden, eine klare Flüssigkeit. Die wird dann „geerntet“, etwa zehn Milliliter, und in einem komplexen, wochenlangen Prozess zentrifugiert, gereinigt und konzentriert. Und das ist dann schon der Impfstoff. Ein Ei – eine Dosis, rechnen die Experten. Einen halben Milliliter fasst die Einwegspritze, die der Arzt benutzen wird. rcf

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