Berlin : Einsam im Kerry-Staat

Amerikanische Berliner feierten die US-Wahl und hofften vergebens auf einen neuen Präsidenten

Alexander Visser

Um sieben Uhr am Mittwochmorgen ist die Landkarte der USA fast ganz rot gefärbt. Das ist Bush-Land. Nur an den Rändern schimmert es blau. Das sind die Staaten an Ost- und Westküste, in denen CNN zufolge John Kerry gewinnen wird. Ohio und ein paar kleinere Staaten sind noch im neutralen Weiß. „Auf der Karte sieht es nach einem überwältigenden Sieg für Bush aus“, sagt Michael Levitin nach der durchwachten Wahlnacht. „Für Amerika kommt jetzt eine lange dunkle Phase“, orakelt der amerikanische Neuberliner enttäuscht.

Wie fast alle Gäste, die im Cinestar-Kino des Sony-Centers am Potsdamer Platz die Wahlnacht am Großbildschirm verfolgten, hatte Levitin auf einen anderen Wahlausgang gehofft: Berlin ist ein Kerry-Staat. Geladen hatte die unabhängige Wählerinitiative „American Voters Abroad“ (AVA), die zuletzt viel zu tun hatte. „Wir haben rund 3000 Amerikanern bei der Briefwahl geholfen“, sagt AVA-Sprecher Colin King. Manche Wähler hatten falsche Wahlunterlagen bekommen, andere gar keine. AVA besorgte Notfall-Wahlzettel aus der Botschaft.

Die US-Botschaft hatte zu einer Podiumsdiskussion ins Amerika-Haus geladen. Rund 600 Kerry-Anhänger gingen zur „Anti- Bush-Party“ im Tränenpalast. Etwa 400 Gäste waren der Einladung von CNN, n-tv und RTL in die Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden gefolgt. Doch die Wahlparty im Sony-Center mit zeitweise 2000 amerikanischen Wählern und deutschen Gästen, war die größte in Berlin.

Zwischen blau-weiß-roten Ballons verfolgen sie die Farbenspiele auf den Großleinwänden, essen Chicken Fingers und trinken Cocktails wie „Mr. Ex-President“ (Gin, Wodka, Bacardi, Triple Sec, Zitronensaft, O-Saft und Pepsi). Doch George W. Bush wird in dieser Nacht nicht abgewählt. Jubel brandet auf, als wichtige Staaten wie New York und New Jersey an Kerry fallen. Doch die Landkarte färbt sich immer weiter rot ein.

Mit seiner Militärmütze und den Veteranenabzeichen sieht Arik Komets nicht aus wie ein klassischer Ostküstenliberaler. Er wählt trotzdem Kerry. „99 Prozent der Auslandsamerikaner stimmen für Kerry“, glaubt der 67-Jährige. „Das liegt einfach daran, dass der Dollar unter Bush im Ausland 30 Prozent seines Wertes verloren hat.“ Komets kam in den 70er Jahren als alliierter Beschützer nach Berlin und blieb in der Stadt hängen.

Auch Mark Young ist kein klassischer Demokrat – hatte er doch unter Bush senior für das US-Handelsministerium gearbeitet. „George W. Bush nimmt zu wenig Rücksicht auf unsere internationalen Partner“, beklagt der Mann aus Virginia. „Deswegen habe ich dieses Mal für die Demokraten gestimmt.“ Die 20-jährige Cali Lanza-Weil ist mit ihren Kommilitonen aus dem Nordstaat Maine gekommen, um drei Monate lang Berliner Geschichte zu studieren. „Wir haben alle für John Kerry gestimmt. Bush hat das Ausbildungssystem total vernachlässigt“, sagt die Erstwählerin. Nach fünf Uhr stellen die Jungwähler die Mehrheit – manche schlafen auf dem Boden.

Gegen halb acht sieht es so aus, als würde Bush im Entscheidungsstaat Ohio siegen – nur Sören Kupke jubelt. Der Potsdamer BWL-Doktorand freut sich über den bevorstehenden Sieg: „Bush sorgt international für Sicherheit und regt durch niedrige Steuern die Wirtschaft an.“ Mit dieser Meinung steht er im Kerry-Staat alleine da.

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