Berlin : Einsames Staatsbegräbnis

Ein Mensch stirbt, und niemand ist da zum letzten Geleit. Immer öfter wird der Tod zur Behördensache

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Als sie vor ein paar Wochen im Krankenhaus starb, 85 Jahre alt und wenige Tage nach einem Hirnschlag, hatte sie keine Angehörigen mehr, die am Bett hätten sitzen und ihre Hand halten können. Am Ende ihres Lebens war Irma F. allein, und aus ihrem Tod wurde ein Dienstvorgang auf dem Schreibtisch von Wigbert Siller und Cornelia Rupp.

Gesundheitsamt Berlin Mitte, vierter Stock, Zimmer 408. „Innere Dienste“ steht auf dem Türschild. Wigbert Siller leitet die Abteilung. Er ist Ende vierzig, trägt ein bunt gemustertes Hemd und im Nacken eine Haarsträhne, die er mit einem roten Gummi zu einem winzigen Zopf zusammengebunden hat. Siller holt einen Ordner aus dem Schrank, in dem die einsamen Tode abgeheftet sind. Verstorbene, zu denen es keine Angehörigen gibt, die sich um alles kümmern: den Arzt anrufen und den Bestatter. Todesanzeige aufgeben. Grabstein aussuchen. Entscheiden, wie beerdigt wird. Urne oder Sarg?

Immer mehr einsame Todesfälle landen auf den Schreibtischen von Siller und seinen Kollegen in deutschen Großstädten. In Hamburg, Köln, Berlin. In Berlin vor allem im Bezirk Mitte. Sillers Abteilung ist diejenige mit den meisten „ordnungsbehördlichen Bestattungen“ in der Stadt: 257 im ersten Halbjahr 2004. Es sieht so aus, als würden es Ende des Jahres wieder mal doppelt so viele sein wie im Jahr zuvor. Zum dritten Mal in Folge. Die anderen Bezirke beobachten eine ähnliche Tendenz. „Unsere Zahlen sind nicht so extrem, aber die Tendenz ist vergleichbar“, sagt etwa Tempelhof-Schönebergs Amtsarzt Andreas Dinter. Dass sie sich immer häufiger um die Beerdigungen kümmern und die Kosten vorstrecken müssen, begründen die Berliner Gesundheits- oder Sozialämter vor allem damit, dass die Krankenkassen zum Januar die 525 Euro Sterbegeld gestrichen haben. „Der Zusammenhang ist offensichtlich“, sagt Siller. Die Kollegen in wohlhabenderen Bezirken wie Charlottenburg oder Zehlendorf sehen das ähnlich.

257 Bestattungen. Siller sagt: „Wenn man die jüngste Entwicklung hochrechnet, wird der Bezirk Mitte 2015 fast die Hälfte seiner Toten beerdigen.“ Um das zu verhindern, gilt seit dem 19. Mai in Berlin ein überarbeitetes Bestattungsgesetz. Die Bestattungspflichtigen seien stärker heranzuziehen, heißt es darin. Die zuständigen Ämter sollen ermitteln, ob es zu den Toten nicht doch jemanden gibt, der nach Bundesrecht „bestattungspflichtig“ ist. Jemanden, der sich um die Beerdigung kümmern und sie bezahlen muss: einen Ehegatten, Kinder, Adoptivkinder, Eltern, Großeltern, Geschwister, Kinder der Geschwister vielleicht.

Irma F., wie gesagt, hatte keine Familie mehr. Ihr Mann war seit Jahren tot. Kinder hatten sie nie. „Wenn sie in Gesellschaft sein wollte, ging sie mittwochs ins Café Tusnelda, das die Kirchgemeinde für einsame alte Menschen eingerichtet hat“, sagt der Pfarrer. Schnell war klar: Das Amt zahlt, weitere Recherchen erübrigen sich.

Nur selten ist Sillers Abteilung so gut über die Familienverhältnisse informiert wie im Fall von Irma F. Und für Ermittlungen bleibt wenig Zeit. Die Berliner Bestattungsverordnung schreibt vor, dass eine Beerdigung wenige Tage nach dem Tod geregelt sein muss. „Wenn es gut läuft, bekommen wir Hinweise von Nachbarn, Pflegern oder vom Krankenhaus“, sagt Cornelia Rupp, Sillers Sachbearbeiterin. In vier von fünf Fällen bleiben diese Hinweise aus. Dann kümmern sie sich um die Beerdigung. Meistens werden die Toten verbrannt, weil es billiger ist. „Aber“, sagt Cornelia Rupp, „wir lassen niemanden einäschern, nur um Kosten zu sparen. Wenn wir besondere Wünsche der Toten kennen, berücksichtigen wir sie.“ Und Muslime und Juden werden, ihrer Religion gemäß, erdbestattet.

Erst die Pietät, dann aber doch die Finanzen. Nach dem Begräbnis versuchen sich Siller und Kollegen als Ahnen-Fahnder – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie selbst halten diese Möglichkeiten für beschränkt. Jemanden ausfindig machen, der im Ausland lebt? „So gut wie unmöglich“, sagt Siller. In jedem zweiten Fall recherchieren sie, manchmal mehrere Monate – solange der Aufwand nicht mehr kostet als das Begräbnis.

Wenn sie schließlich jemanden ausfindig machen, hören sie oft Sätze wie: Hab’ ich kaum gekannt. Was geht mich das an? Oder: Versuchen Sie’s bei meiner Schwester. Ich hab’ kein Geld. Das sind die freundlichen Varianten, die anderen sind nicht zitierfähig. „Wenn ein Vollstreckungsbescheid kommt, nehmen sich viele einen Anwalt, der sie oft mehr Geld kostet als die Bestattung“, sagt Siller.

In wie vielen Fällen die Recherche lohnt und Geld zurückkommt, ist statistisch nicht erfasst. „Etwa eine von vier Recherchen bringt was“, schätzt Siller. Er spricht nicht von Erfolg, Erfolg wäre zu dröhnend. Cornelia Rupps Ordner sind voll mit traurigen Geschichten.

Es sind nicht nur Verlassene und Entwurzelte, um deren Begräbnis sie sich im Amt kümmern. Aber oft. Und die meisten jener Menschen, die in Mitte einsam sterben, werden auch einsam beerdigt. Wie Irma F. Nur ein Friedhofsmitarbeiter begleitet sie auf ihrem letzten Weg und trägt die Urne mit ihrer Asche zu Grabe. Marc Neller

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