Berlin : Einsatz für Paradiesvögel und Normalos

Ein kleines Team stemmt eine der größten Veranstaltungen Berlins: den Umzug zum Christopher Street Day

Nana Heymann

Die Luft in dem kleinen Büro am Nollendorfplatz ist warm und stickig. Sie riecht nach der frischen Druckerfarbe der letzten, soeben angelieferten Flyer. Zwei Tage vor dem großen Umzug des 27. Berliner Christopher Street Day (CSD) laufen im Vereinsraum die letzten Vorbereitungen. Die Handzettel sollen für die große Demonstration für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben werben. In dem nur wenige Quadratmeter großen Raum in der ersten Etage eines Wohnhauses treiben etliche Computer und Faxgeräte die Zimmertemperatur in die Höhe – hier brenne kurz vor dem großen Open-Air-Spektakel sprichwörtlich die Luft, sagt Mitarbeiterin Kirsten Blanke. Sie gehört zum zehnköpfigen Team des CSD e.V., der verantwortlich ist für die Planung, Organisation und Durchführung des Straßenumzuges.

Seit vier Jahren ist Kirsten Blanke nun schon für den Verein tätig. Zuvor arbeitete die 39-Jährige in einem großen Hamburger Medienunternehmen und produzierte nebenbei ein lesbisches Frauenfernsehmagazin für den Offenen Kanal Hamburg. Auch wenn die Umstände beim CSD e.V. nicht einfach sind – der Verein verfügt nur über geringe finanzielle Mittel – so gebe ihr die jetzige Aufgabe doch ein Gefühl der Erfüllung. „Wenn man sich nicht mit dem CSD identifiziert, könnte man diese Arbeit nicht machen“, sagt sie. Der CSD sei eine Herzensangelegenheit.

Was diese Herzensangelegenheit in den Jahren ihres Bestehens bewirkt hat, beweist das äußere Erscheinungsbild des Umzugs. Im Gegensatz zu seiner Premiere 1969, als sich die meisten der 400 Teilnehmer aus Angst vor Repressalien nur vermummt auf die Straße trauten, ziehen heute zum CSD Schwule, Lesben und Heteros friedlich und einvernehmlich durch die Stadt, schillernde Paradiesvögel ebenso wie Normalos in T-Shirt und Jeans. „Die politische Arbeit trägt Früchte, auch wenn noch viel zu tun ist“, sagt Blanke. Es gehe beim CSD darum, den Finger in die Wunde zu legen, auf aktuelle Missstände hinzuweisen, die schwul-lesbische Community auf Solidarität einzuschwören. Dass das nach wie vor nötig ist, zeigten erst unlängst wieder die Übergriffe rechtsradikaler Randalierer beim CSD in Warschau. Das diesjährige Motto „Unser Europa gestalten wir!“ sei deshalb auch ein Aufruf zum Blick über den Tellerrand.

58 Wagen und etliche Gruppen, die zu Fuß unterwegs sind, haben sich zur Parade angemeldet. Mit knapp 450 000 Menschen rechnen die Veranstalter entlang der sechs Kilometer langen Strecke und zur anschließenden Abschlussveranstaltung an der Siegessäule. Den Startschuss geben um 12 Uhr die Grünen-Politiker Volker Beck und Renate Künast, die Abschlussansprache an der Siegessäule hält Klaus Wowereit kurz nach 18 Uhr, danach legt der Münchener Star-DJ Hell auf. Vielleicht können Kirsten Blanke und ihr Team dann für einen kurzen Augenblick entspannen – bis es mit den Vorbereitungen für den Umzug um nächsten Jahr weitergeht.

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