Berlin : Einsatz in Mitte

Aufruhr am Alex: Demonstranten gehen auf behelmte Polizisten los. Alles gefälscht. Der Ex-SEK-Mann Bernd W. hat Kripo und Waffen ausgeliehen – für Matt Damons neuen Film

Anne Seith

Die Demonstranten mit den riesigen Spruchbändern bewegen sich seit einer Stunde nicht mehr von der Stelle, die zwei Dutzend Polizisten, die sie umringen, unterhalten sich. Einer isst eine Currywurst. Als ob das öffentliche Leben stehen geblieben wäre und alle auf eine Fortsetzung warteten.

Plötzlich hallen kurze Befehle über den Alexanderplatz, die Menschenmasse mit den Plakaten gerät in Bewegung, die Polizisten heben blitzschnell ihre Plexiglasschilder und stellen sich stramm und breitbeinig vor ihre Mannschaftswagen. So wie immer, wenn sie Demonstranten in Schach halten müssen. Doch im Gegensatz zu sonst, wissen sie an diesem Tag genau, wie die Protestkundgebung verlaufen wird. Schauspieler Matt Damon wird mit seiner Kollegin Julia Stiles aus der Menge ausscheren und im U-Bahn-Schacht verschwinden. Dann ist die Demo schon zu Ende. Sie ist inszeniert für den amerikanischen Film „The Bourne Supremacy“, der derzeit in Berlin gedreht wird.

Täuschend echt

Authentisch aussehen soll das Ganze natürlich, deshalb stehen fast nur echte Polizisten auf dem Platz. Und auch als am Abend für den Film ein Haus am Strausberger Platz gestürmt wird, springen Profis aus dem Einsatzwagen. Die Statisten, die die Firma „Leon“ für die Polizei-Szenen engagiert hat, sind fast alle hauptberuflich bei der Kriminal- und Schutzpolizei oder waren früher beim „Spezialeinsatzkommando“, beim SEK. Und damit es auch keinen Ärger mit den Requisiten gibt, rücken die Leute von „Leon“ immer mit Ausstattung an – Mannschaftswagen, Gefangenentransporter, täuschend echte Polizeiwagen. Auch die Uniformen sehen genau so aus wie in Wirklichkeit. Ein fehlender Nackenschutz am Helm wird vom Chef sofort ärgerlich bemängelt. Es geht ums Prinzip. Und um die Ehre. Bernd W., wie der Chef in der Zeitung genannt werden will, war selbst 16 Jahre bei der Polizei, davon zehn Jahre beim SEK. Er hat Geiselnahmen erlebt, Wohnungen gestürmt, er hatte einen wild gewordenen Kampfhund am Arm hängen. Er mag es nicht, wenn seine Filmeinsätze nicht perfekt sind.

Seine Statisten- und Requisitenfirma gründete Bernd W. 1996. Weil er ein paar Mal als Statist gearbeitet hatte und merkte: „Da waren nur Ahnungslose.“ Also ließ er sechs Uniformen nähen und bot sie für Filmdrehs an, zusammen mit seinem fachmännischen Rat. Inzwischen inszeniert Bernd W. Polizeieinsätze jeder Art, für Krimiserien wie „Balko“ oder „Wolffs Revier“ oder Kinofilme wie „Ripley’s Game“ mit John Malkovich und jetzt „The Bourne Supremacy“, der Fortsetzung von „The Bourne Identity“. Bernd W. stürmt Hochhäuser nach Wunsch, lässt originalgetreu nach Schätzen tauchen und unechte Bösewichte abführen, als seien sie echt. Die Regisseure sagen ihm, was in der Szene vorkommt und er sagt, wie man sowas macht.

150 Polizisten, Hundeführer und ehemalige SEK-Leute hat Bernd W. in seiner Kartei. Und er hat zwei Lagerhallen voller Requisiten; die lassen ehemalige Kollegen immer vor Neid erblassen, sagt Bernd W. 400 Polizeiuniformen, kistenweise Handschellen, Regalreihen voller Helme und Blaulichter, mehrere Bombenentschärfer-Outfits. In einem Extraraum stehen 200 Waffen: Pumpguns, Sturmgewehre, Maschinenpistolen – alles Originale, entschärft. Vor der Tür 60 Fahrzeuge, darunter ein Gefangenen- und ein Geldtransporter.

Wenn es geht, kauft Bernd W. echte Ausrüstung, direkt bei den Herstellerfirmen oder ausrangierte bei der Polizei. 2,5 Millionen Euro hat er schon investiert. Die Kreditraten kann er bezahlen, weil er vollkommen ausgebucht ist.

Bernd W. ist Film-Polizist mit Leib und Seele. Auch bei den Dreharbeiten für „The Bourne Supremacy“ stiefelt er im grünen Polizeioverall mit energischen Schritten hin und her, gibt im Vorbeigehen mit strengem Gesichtsausdruck Anweisungen an seine Männer und strahlt ansonsten bis spät am Abend übers ganze Gesicht. Und morgen geht es weiter zum nächsten Set. „Im Prinzip mache ich inzwischen mehr Einsätze als beim SEK.“

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