Berlin : Einschlägige Erfahrungen

Mit einer neuen Methode lernen junge Gewalttäter, wie sie Aggressionen besser kontrollieren können

Tanja Buntrock

Susanne merkte es an ihren kalten Händen. Sie war wieder bereit zuzuschlagen. Ihr Herz raste. Worte halfen da nicht mehr. In diesem Moment wurde die 16- Jährige nur noch von ihrer Wut beherrscht– und die bekamen dann andere mit Faustschlägen und Tritten zu spüren.

Raub, Diebstahl, schwere Körperverletzung: Susanne aus Schöneberg stand schon häufig vor dem Jugendrichter. Doch die Strafarbeiten wie Saubermachen im Kindergarten oder Hilfsarbeiten beim Roten Kreuz, halfen wenig – bis sie vor einem halben Jahr vom Jugendrichter die Auflage bekam, wöchentlich das „Denkzeit“-Training zu besuchen. Dies ist eine neue, an der Freien Universität Berlin entwickelte Methode. Sie ist einer FU-Studie zufolge erfolgreicher als die klassische Bewährungshilfe oder soziale Trainingskurse (siehe Kasten). Das „Gegenteil der Kuschelpädagogik“ nennt Professor Jürgen Körner das Training. Es stammt aus Großbritannien, doch Körner hat die Methode an deutsche Verhältnisse angepasst und weiterentwickelt.

Seit 1999 haben 60 straffällige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren in Einzelsitzungen mit ihren Trainern – alles ausgebildete Sozialpädagogen – das Denkzeit-Training durchexerziert. Susanne, Einzelkind, Tochter einer Einwandererfamilie aus Asien, ist eine dieser Jugendlichen. Ein dreiviertel Jahr dauert das Programm für jeden Kandidaten.

„Wir gehen in kleinen Schritten vor“, erklärt Susannes Trainerin, Rebecca Friedmann. Einfach formuliert gehe es darum, dass die Jugendlichen mühsam das lernen, was eigentlich „normal“ sein sollte: Mitzufühlen, die eigenen Affekte zu kontrollieren und vor allem die Folgen des Handelns einschätzen zu können. Als letzter Schritt wird das Gelernte anhand alltäglicher Konflikte durchgearbeitet.

Susanne fiel es bislang schwer, sich einfach umzudrehen und wegzugehen, wenn es „Stress gab“. Einen schiefen Blick in der U-Bahn oder eine Beleidigung auf dem Schulhof wie „du Schlampe“ konnte sie nicht ignorieren. „Ich musste dann etwas tun und habe mich geprügelt.“

Im Denkzeit-Training hat die 16-Jährige gelernt, erst einmal innezuhalten. Eine Erkenntnis waren die kalten Hände. „Wir haben herausgearbeitet, dass Susanne körperlich reagiert, wenn sich eine gefährliche Situation anbahnt“, sagt Trainerin Friedmann. Nun wisse Susanne, dass ihre kalten Hände ein Alarmzeichen sind. Sie habe auch gelernt, die Konsequenzen zu bedenken: Schlage ich wieder zu, lande ich endgültig im Gefängnis. Einen vermeintlichen Angriff einfach zu ignorieren, wäre der Optimalfall. „Ein erfolgreicher Zwischenschritt ist schon, wenn Susanne ihr Gegenüber erst einmal nur beschimpft und nicht sofort zuhaut“, sagt Friedmann.

Solche Schritte, in denen Probleme erkannt und Konsequenzen bedacht werden sollen, spielen die Jugendlichen anhand kleiner, fiktiver Situationen mit dem Trainer durch. Da heißt es beispielsweise, die 14-jährige Kira stehe auf dem Schulhof und rauche heimlich. Susanne soll erklären, was hier das Problem ist und welche Konsequenzen es haben könnte. Klingt simpel. „Aber die meisten unserer Jugendlichen haben anfangs überhaupt Schwierigkeiten, in bestimmten Situationen ein Problem zu sehen.“ Aber das Training scheint zu wirken, wie eine Szene aus Susannes jüngstem Alltag beweist: Ein Kumpel von ihr hatte sich neulich auf dem Schulhof geprügelt. Noch vor einiger Zeit, sagt die 16-Jährige, wäre sie ihm sofort beigesprungen und hätte mitgeprügelt. „Aber diesmal ist sie zu den Kontrahenten gegangen, hat ihren Freund beruhigt und dann eine Lehrerin zur Hilfe geholt“, schildert Trainerin Friedmann.

Seit Susanne am Denkzeit-Training teilnimmt, ist sie nicht mehr straffällig geworden. Früher hat sie sich am Wochenende mit Freunden herumgetrieben, die „aus Langeweile“ auch mal sonntags in einen Kindergarten eingebrochen sind und dort alles verwüstet haben. „Mit einigen Leuten bin ich nun nicht mehr befreundet.“ Susanne sagt, sie wisse zwar nicht hundertprozentig, ob sie das Gelernte auch nach dem Ende des Trainings anwenden kann. „Aber ich wünsche es mir.“ Es könnte Susannes große Chance sein.

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