Einschlag auf Full Force Festival : "Nach dem Blitz flohen viele"

Beim Festival "With Full Force" in Nordsachsen schlug in der Unwetternacht zu Sonntag der Blitz ein. 51 Menschen wurden dabei verletzt, neun davon schwer. Unversehrt kam Tagesspiegel-Mitarbeiterin Katharina Langbehn davon, die den Schrecken aber miterlebte.

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In ganz Deutschland gingen am Wochenende heftige Gewitter nieder.
In ganz Deutschland gingen am Wochenende heftige Gewitter nieder.Foto: dapd

Erst hatte sich am Samstagabend eine dunkle Wolkenwand vor den blauen Himmel geschoben, Blitze zuckten, anfangs in der Ferne, dann näher. Gegen 22 Uhr hatte es zu schütten begonnen. Anfangs hatten sich noch alle über die Abkühlung gefreut, im Regen getanzt – bis es Hagel einsetzte, Windböen übers Gelände peitschten. Und dann war die Gewitterfront genau über dem Gelände des Festivals „With Full Force“ im nordsächsischen Roitzschjora, kurz hinter der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, auf halber Strecke zwischen Wittenberg und Leipzig. Jahr für Jahr sammelt sich dort die Heavy-Metal-Szene im Osten Deutschlands, auch diesmal waren rund 30.000 Fans gekommen. Schluss- und Haupt-Act an diesem Abend: die Band „Heaven Shall Burn“, was nachträglich wirkt, als habe sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt.

Immer dichter folgten Blitz und Donner aufeinander. Zunehmend behinderten Tonstörungen den Musikgenuss, zuletzt musste die Band aufgeben, wie Tagesspiegel-Mitarbeiterin Katharina Langbehn, selbst unter den Besuchern, schildert. Da hatten sich viele schon unter die wenigen Zeltdächer geflüchtet, die das Gelände, ein von Flugvereinen und-schulen genutzter Flugplatz, zu bieten hatte. Die nur tagsüber genutzte Zweitbühne hatten sie besetzt, ebenso die gleichfalls überdachte, in einem Bus untergebrachte Cocktailbar. In der Nähe stand ein riesiger Beleuchtungsturm, eigens fürs Festival aufgebaut. Dutzenden von Besuchern wurde er zum Verhängnis. Mehrere solcher Türme waren über das Gelände verstreut, der Blitz aber, der gegen 2 Uhr morgens einschlug, suchte sich genau den zwischen Bar und Bühne, traf die Menschen über metallene Pfähle, Bänke und Befestigungsleinen. Einige wurden von dem Stromschlag durch die Luft geschleudert.

Insgesamt 51 Besucher wurden verletzt, davon neun schwer. Das Krankenhaus im nahen Delitzsch aktivierte seinen Notfallplan, rief zusätzliche Ärzte hinzu. „Einen Besucher mussten wir wiederbeleben, zwei weitere kamen nach einer Ohnmacht wieder selbst zu sich“, sagte die leitende Notärztin Ellen Mack. Die meisten Verletzten wiesen „Stromeintrittsmarken“ auf, hatten Prellungen, klagten über Herzschmerzen. Noch am Sonntag lagen drei Verletzte auf der Intensivstation, Lebensgefahr besteht nicht. Die Festivalleitung informierte knapp auf ihrer Facebook-Seite über das Unglück. Sie hatte ein Notfall-Telefon eingerichtet.

Katharina Langbehn hatte den Blitz nur aus der Ferne mitbekommen, da sie vorzeitig zum abseits gelegenen Zeltplatz gegangen war. Dort herrschte in den ersten Stunden nach dem Unglück Hektik. „Nach dem Blitz flohen viele“, schilderte sie. Noch in der Nacht brachen hunderte Besucher auf, kramten ihre Habseligkeiten zusammen, wenn die nicht ohnehin zerstört waren, und verließen das verschlammte Gelände. Auch Katharina Langbehn und ein mit ihr aus Berlin angereister Metal-Fan konnten ihr Zelt nicht mehr nutzen und mussten im Smart Schutz suchen: „An Schlaf war nicht zu denken, das ließen schon die Sirenen der Rettungsfahrzeuge nicht zu.“ Am Sonntagmorgen war der Zeltplatz um ein Drittel geleert. Das Festival ging weiter, vor deutlich reduziertem Publikum.

(mit dpa)

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