• Einst beeindruckte Manfred Stolpe seine Landeskinder mit Versprechungen - heute traut man ihm nicht zu, sich gegen den Kanzler zu behaupten

Berlin : Einst beeindruckte Manfred Stolpe seine Landeskinder mit Versprechungen - heute traut man ihm nicht zu, sich gegen den Kanzler zu behaupten

Claus-Dieter Steyer

Das Stolpe-Foto auf den Wahlplakaten wirkte gestern noch befremdlicher als in den Wochen zuvor. So liebenswürdig und freundlich lächelnd war der Spitzenkandidat in den vergangenen Wochen kaum einmal zu sehen gewesen. Eher zog er mit ernster Miene durchs Land. Für ihn muss der katastrophale Wahlausgang keineswegs aus heiterem Himmel gekommen sein. Dafür ist er ein viel zu abgebrühter Politprofi. Er hat das Unheil mit Sicherheit gerade in den Tagen vor der Wahl geahnt. Denn der Auftritt in der sogenannten Elefantenrunde vor den Kameras des ORB hinterließ selbst für den wohlgesonnenen Beobachter einen fatalen Eindruck über den Gemütszustand des Regierungschefs: Abgespannt, müde, kein Lächeln, kein Witz, leicht verletzbar. Seine Herausforderer von der CDU und PDS hatten ein leichtes Spiel für einen möglicherweise entscheidenden Punktgewinn.

Doch wie ein schlechter Verlierer suchte auch Stolpe nach der Wahl die Schuld bei anderen. Es sei eben nicht gelungen, die Landes- von der Bundespolitik zu trennen. Doch da unterschätzt Stolpe seine Brandenburger gehörig. Sie haben sich ganz bewusst von dem sich so gern als Landesvater gebenden 63-Jährigen abgewandt. Die Enttäuschung über das offensichtlich zu geringe Gewicht ihres Ministerpräsidenten gegen den Bundeskanzler hat sich im Land gerade seit der Verkündigung des Sparpaketes herumgesprochen.

Typisch dafür war ein Auftritt auf dem Marktplatz im südbrandenburgischen Spremberg. Da versucht er den Menschen einzureden, dass sie künftig keine Bürger zweiter Klasse in Deutschland mehr sein werden. Deshalb müssten die Renten zumindest im Osten weiter steigen, um die Kluft zum Westen nicht noch größer werden zu lassen. Am gleichen Abend hören die Menschen den Bundeskanzler im Fernsehen davon reden, dass es keine Abstriche an den Reformen geben werde. Die Spremberger sind verunsichert und schütteln den Kopf: "Stolpe kann vieles versprechen, doch entscheiden kann er nichts", lautet die gängige Reaktion.

Auch auf anderen Gebieten hat der frühere Konsistorialpräsident längst seine Rolle als Vertreter der Entrechteten eingebüßt. Wo Anfang der neunziger Jahre die Menschen sich noch glücklich fühlten, wenn sich der Ministerpräsident persönlich für die Sorgen interessierte und sich sogar Notizen machte, ist längst Ernüchterung eingekehrt. Aus vielen Versprechungen konnte nichts werden. Doch zumindest in den ersten Jahren konnte Stolpe auf Zeit spielen: Irgendwann würde er sich schon mit den Abwasserpreisen, mit der Umgehungsstraße oder mit der gewünschten Baugenehmigung beschäftigen, glaubten die Betroffenen. Doch im Jahr zehn nach der Wende ist auch beim Gutgläubigsten Ernüchterung eingezogen.

Stolpes Erfolge beruhten in den vergangenen Jahren wesentlich auch auf den Misserfolgen der CDU-Bundesregierung. Er kritisierte und schimpfte und versprach Besserung, falls die Sozialdemokraten erst einmal an der Macht wären. Doch heute? Die Brandenburger durchschauten die Hilflosigkeit ihres Hoffnungsträgers.

Die Enttäuschung ging gerade im Frühsommer durch alle Schichten, Berufsgruppen und erfasste Arbeitslose ebenso wie Studenten und Wissenschaftler: Der fast schon vergessene Kosovo-Krieg wurde im Osten ganz anders als im Westen beurteilt. "Sie hätten niemals den Bombardierungen in einem solchen Ausmaß zustimmen dürfen", warf beispielsweise ein älterer Mann in Cottbus dem Regierungschef vor. "Die an der Regierung haben die Stimmung im Osten gar nicht wahrgenommen und kapiert." Diese Arroganz sei heute noch längst nicht vergessen. Doch wie reagierte Manfred Stolpe? Ausreden, Vertröstungen, Schulterzucken. "Vielleicht hätte ich in den Gesprächen mit Schröder, Scharping und Fischer ein bisschen deutlicher werden sollen, dass Bombardierungen allein keine Lösung sind. Aber der Bündnisdruck war eben zu groß." Der Mann zog sich enttäuscht zurück. Nein, das ist nicht mehr der einst so kämpferisch, optimistisch und zukunftssicher wirkende Ministerpräsident von vor vielleicht drei oder vier Jahren.

Oder was soll man davon halten, wenn er in der Stadt Forst einer jungen Frau raten muss, lieber in den Westen auszuwandern als hier ewig auf einen Arbeitsplatz zu warten. Das wäre vor gar nicht so langer Zeit völlig ausgeschlossen gewesen. Doch Schritt für Schritt musste auch Stolpe so manche Vision aufgeben. Der Kleinstadt Forst kehrten seit 1991 rund 5000 Einwohner für immer den Rücken. Da helfen nicht einmal Versprechungen auf bessere Zeiten weiter.

So gesehen ist der Absturz von Stolpe gar keine große Überraschung. Viele Brandenburger haben sich am Sonntag nur von einer großen Illusion verabschiedet.

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