Berlin : Einsteigen zum Protest

Stadtrundfahrt zu den Schmankerln der Verschwendung: Der Steuerzahlerbund rollt gegen höhere Abgaben an

Thomas Loy

Protestbusfahren kann eine meditative Erfahrung sein. Eckart Mann jedenfalls genießt es in vollen Zügen, für den Steuerzahlerbund zu arbeiten. Dienst von 9 bis 16 Uhr, immer die gleiche Strecke, pünktliche Abfahrt jeweils zur vollen Stunde, sechsmal am Tag. Dass kaum jemand mitfährt, belastet ihn nicht weiter.

Erst dadurch entstehen ja diese meditativen Momente.

Kurz vor 11 Uhr sitzen an diesem Tag zwei junge Herren in Wollmänteln hinter Busfahrer Mann und machen gar keinen glücklichen Eindruck. Alle 70 Protestbussitze sind leer. Joachim Papendick vom Steuerzahlerbund Hessen hat aber schon eine Sprachregelung parat: „In erster Linie geht es darum, Präsenz zu zeigen. Wir sind ja eine Art rollende Litfaßsäule.“ Draußen am Bus steht dran: „Mir reicht’s.“ Busfahren gegen Steuererhöhungen. Der Slogan: Einsteigen und mitprotestieren.

Eine tolle Idee, dachten sich die Chefstrategen des Steuerzahlerbundes. Leider steht der Bus etwas abseits des Gendarmenmarktes in der Französischen Straße. Unter den Linden hatte man eigentlich halten wollen, aber dafür gab es vom Senat keine Genehmigung.

Busfahrer Mann fährt pünktlich los, und Joachim Papendick trägt den Begleittext zum Besichtigungsprogramm vor. Vom „Aufschrei breiter Massen“ gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung ist die Rede. Es geht durchs Regierungsviertel, zu den Gebäuden, in denen unter dem Pseudonym „Steuervergünstigungsabbaugesetz“ an der Abgabenschraube gedreht wird. Man hegt die Hoffnung, dass dem Kanzler und seinem Fraktionstross der rote Bus bald lästig fallen wird. Und man will natürlich aufklären: Kostenüberschreitung Bundeskanzleramt: 58 Millionen Euro, Paul-Löbe-Haus: 48 Millionen Euro, Jakob-Kaiser-Haus: 130 Millionen Euro. Auf das Verschwendungs-Highlight Bundestagskita weist Papendick besonders gerne hin. Ein weiteres Schmankerl der 45-minütigen Tour ist das Rote Rathaus – als „warnendes Beispiel“, was passiert, wenn die Schulden außer Kontrolle geraten.

„Wir lassen uns das nicht länger gefallen und haben deswegen heute ein Zeichen gesetzt“, liest Papendick vor – so, wie er auch die Gewerbesteuerordnung vortragen würde. Dann ist die zweiunddreißigste Protestfahrt vorbei und die dreiunddreißigste kann beginnen.

Kurz vor 12 steht plötzlich Rentner Heinz Witt mit Penny-Tüte und etwas flatterigen Hosen im Bus und merkt an: „Schön warm hier.“ Er setzt sich nach oben in den Bus, ganz vorne, wo es wärmsten ist. Heinz Witt aus Lichtenberg weiß durchaus, worum es hier geht. „Die haben uns das Loch im Haushalt verschwiegen.“ Leider versteht er von der Protestrede nichts, weil sein Hörgerät defekt ist. Aber es ist auch so schön, mal die Regierungsbauten zu sehen. „Hier war ich noch nie.“ Jenseits der Spree kennt sich Witt wieder aus. „Hier sind die Leute immer auf den Interzonenzug aufgesprungen.“ Ganz schön beeindruckend, was alles gebaut worden ist, findet er.

Bei den Ländervertretungen hinter dem Leipziger Platz kommt der Protestbus zum Stehen. Ein Lkw blockiert die Fahrbahn. Hupen und Zeichen setzen bringt nichts. Die Bauarbeiter laden weiter ab. Hier errichtet der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sein Verbandshaus. Der Protest muss warten – übrigens werden in Deutschland pro Sekunde 14539 Euro Steuern gezahlt.

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