Eis und Schnee : Blinde und Rollifahrer kommen kaum noch zur Arbeit

Schnee und Glätte haben für Behinderte katastrophale Auswirkungen. Selbst vor Sonderschulen wird nicht geräumt. Vor einer Schule in Friedenau greifen Eltern deshalb am Sonntag selbst zur Hacke.

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Jeder Schritt klingt gedämpft, kein Hall kommt zurück, wenn Peter Brass sich mit seinem Blindenstock auf dem verschneiten Gehweg entlangtastet. Ist der Weg vor ihm vereist, wo befindet sich der nächste Schneeberg und wo nur ist unter all dem Schnee die Bordsteinkante? Der Lehrer für Englisch und Sozialkunde an der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde in Steglitz kann nur raten. In den letzten Wochen ist es schon vorgekommen, dass er nicht wusste, ob er noch auf dem Bürgersteig oder schon auf der Straße ging. „Man sagt nicht umsonst, Schnee sei der Nebel der Blinden“, beschreibt der 55-Jährige die Problematik, mit der die rund 3500 blinden Menschen in Berlin in diesem langen Winter besonders stark konfrontiert sind.

Denn nicht nur der Steglitzer Lehrer hat große Probleme, jeden Morgen gesund und pünktlich zur Schule zu kommen oder seine Berufsfachschüler auf ihren über die ganze Stadt verteilten Praktikumsplätzen zu besuchen. Auch viele seiner sehbehinderten Schüler, die ihren Schulweg sonst selbstständig meistern, haben auf unzureichend geräumten und gestreuten Wegen massive Schwierigkeiten.

„Zum Glück ist noch kein Schüler ernsthaft gestürzt“, sagt Schulleiter Thomas Kohlstedt. Doch ohne dass er den vom Bezirk beauftragten Winterdienst ständig ermahne, würden nicht einmal die Flächen rund um die Blindenschule geräumt. Seine rund 130 Schüler, darunter auch blinde Rollstuhlfahrer, würden aber dennoch fast immer pünktlich zum Unterricht kommen, lobt Kohlstedt.

Auch bei Christina Nagel, Leiterin der Biesalski-Schule in Zehlendorf, einer von sechs Berliner Schulen mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, hat sich Wut angestaut: „Meist sind Wege und Rampen so schlecht geräumt, dass die Schüler den Weg zum Schulgebäude auch mit Hilfe kaum bewältigen können“, sagt sie.

Die 40 Schüler im Rollstuhl und viele gehbehinderte Kinder müssten sich ihre Wege über vereiste Huckelpisten suchen. „Neben der Verletzungsgefahr sind die Einbußen in der Selbstständigkeit das größte Problem“, so Nagel. Sie hat nun den Bezirk informiert, dass endlich etwas getan werden müsse. „Sonst kann es im schlimmsten Fall passieren, dass wir die Schule schließen müssen“, sagt sie.

An der Schilling-Schule in Neukölln sind nicht nur die Wege das Problem: Hier wurde schon der gesamte Schulhof gesperrt, sodass die rund 450 Kinder der Sonderschule die Pausen nur noch im Gebäude verbringen können. „Das hat zur Folge, dass viele unserer an sich sehr bewegungsfreudigen Schüler sich motorisch nicht genug ausleben können“, so Konrektor Andreas Seefeld.

Vor der Friedenauer Fläming-Grundschule an der Illstraße greifen die Eltern heute selbst zu Schippe und Hacke. Sie wollen die Zufahrten und den Pausenhof von Schnee und Eis befreien. In den Integrationsklassen der Schule lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam. „Doch seit dem Wintereinbruch kommen Schüler im Rollstuhl oder mit Gehhilfen nicht mehr an die Schule heran“, erzählt eine Mutter. „Eltern und Lehrer müssen sie ein gutes Stück tragen.“ Der Pausenhof sei komplett überfroren. Und der vom Bezirk beauftragte Winterdienst lasse sich kaum sehen.

Sehr schwierig ist die Situation auch für tausende Erwerbstätige unter den rund 30 000 schwerst gehbehinderten Berliner Bürgern, von denen fast alle auf einen Rollstuhl angewiesen sind: Pro Monat dürfen sie sieben kostenfreie Fahrten mit dem Telebus, dem sozialen Behindertenfahrdienst, in Anspruch nehmen, wobei Hin- und Rückfahrt als zwei Fahrten gelten. „Das ist bei diesen Witterungsbedingungen viel zu wenig. Doch niemand, den ich gefragt habe – ob Integrationsbeauftragter, Rentenversicherer oder Bezirk – kann oder will mehr bewilligen“, sagt Claudia Posch erbost.

Die 47-Jährige ist Qualitätsmanagementbeauftragte bei der Awo Friedrichshain-Kreuzberg und unter 190 Kollegen die einzige Rollstuhlfahrerin. Schon oft musste sie in den vergangenen Wochen zu Hause bleiben, weil sie die zwanzig Schritte zu ihrem Auto, die sie auf Krücken zurücklegt, auf den kaum geräumten Wegen in Buckow nicht bewältigen konnte. Und Taxifahrten von 60 Euro kann sie nicht bezahlen. „Es ist sehr unangenehm, immer eine Sonderrolle zu spielen und Home-Office-Tage einlegen zu müssen“, sagt Claudia Posch. Seit letzter Woche ist Posch nun ganz zu Hause – krankgeschrieben: Denn am Dienstag ist sie vor ihrem Auto auf dem Eis gestürzt und hat sich dabei Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen.

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