Berlin : Eiseshauch über der Trümmerlandschaft

Vor 60 Jahren herrschte im kriegszerstörten Berlin ein besonders harter Winter. Mehr als 1000 Einwohner erfroren oder verhungerten

Lothar Heinke

Paul Hoffmann, unser Leser in Stouffville/Kanada, erinnert sich noch ganz genau an diese harten Zeiten: „Mein Vater und ich gingen in die Trümmer einer ausgebombten Kneipe an der Ecke Brunhildstraße am Bahnhof Schöneberg und nahmen alle Holzteile, Balken, Treppenstufen, Türen, Türrahmen und alles, was brannte, auseinander, um den Kachelofen unserer Wohnung zu füttern. Einmal in der Woche fuhren wir nach Kleinmachnow, oft draußen am Zug hängend, um Kartoffeln zu holen; die waren hart vom Frost und schmeckten süß und scheußlich.“ Karola Greve aus Johannisthal weiß noch, dass ihre Zehen erfroren waren, und ihre Freundin Inge Rojahn zerrte eines Morgens heftig an der Bettdecke – die war am Fußende festgefroren.

Wer den harten Winter 1946/47 überstanden hatte, kannte nur Geschichten vom Überlebenskampf in einer von Trümmern übersäten Stadt. „Dieser Winter ist wie die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, sagten die Leute, wenn sie abends mit Mütze und Mantel unter die Bettdecken schlüpften. Ursache für die Frostperiode vor 60 Jahren war eine beständige östliche Wetterlage mit einem Hochdruckgebiet über dem nordöstlichen Europa.

Es begann Mitte Dezember 1946, als die Temperaturen nachts bis 16 Grad minus sanken und am Tage zwischen minus drei und minus acht Grad pendelten. Nach einer kleinen Milderung setzte zwischen dem 5. und 11. Januar Dauerfrost mit bis zu 20 Grad Minus ein, Ende Januar bis minus 16 am 8. Februar sogar bis 19 Grad. Erst im März verabschiedete sich der grimmige Winter. Eine lakonische Mitteilung der damaligen Berliner Sozialstadträtin zeigt die ganze Dramatik dieser vier frostigen Monate: „Im Winter 1946/47 sind 1142 Bürger erfroren oder verhungert.“ 60 000 werden ambulant behandelt, allein im Januar 1947 haben 200 Personen ihrem Leben ein Ende gesetzt. Strom fließt nur wenige Stunden am Tag, in Krankenhäusern kann nur zeitweise operiert werden. Mehr als 1000 Betriebe sind stillgelegt, allein im Januar 1947 werden 150 000 Arbeiter und Angestellte arbeitslos. Der damalige Oberbürgermeister Otto Ostrowski bezeichnet es als Hauptaufgabe der Verwaltung, des „nackten Hungers“ Herr zu werden, und Stadtrat Ernst Reuter bezeichnet die Stromversorgung als katastrophal: Der Verkehr, sagt er, stehe mangels Strom und Kohle vor dem Zusammenbruch. Busse und Züge fallen aus, Theater, Kinos und Kabaretts beginnen ihre Vorstellungen früher, um Strom zu sparen, oder spielen überhaupt nicht. Der Friedrichstadtpalast, das „Varieté der 3000“, wirbt in einer Anzeige: „Das Theater ist als Wärmehalle tgl. von 10 - 16 Uhr – außer sonntags – geöffnet“. Diesem Beispiel werden im Februar alle anderen Theater folgen.

100 000 alte und kranke Menschen sollen in den Volksgaststätten unentgeltlich ein warmes Mittagessen erhalten. Luxuslokale werden geschlossen, öffentliche Karnevalsveranstaltungen sind nicht statthaft. Im Februar konstatiert eine außerordentliche Magistratssitzung, dass nun auch noch die Virusgrippe das Personal der Krankenhäuser erfasst hat. „Der Mangel an Vitamin C und Fett setzt die Widerstandskraft weiter herab“, heißt es da. „Die Krankenhäuser sind von allen chronisch Kranken zu räumen, um Platz für die akuten Lungenentzündungs- und Grippefälle zu schaffen“. Der 2. Bürgermeister Heinrich Acker schlägt die Ausnutzung der Korridore und sonstigen Nebenräume der Krankenhäuser zur Unterbringung der alten Leute vor, die mit der Lebensmittelkarte V in ihren ungeheizten Räumen zum Tode verurteilt wären. Die Stadtreinigung öffnet die Lüftungsschächte der Entwässerungsanlagen für eine „Notentwässerung“, da die Häusertoiletten eingefroren sind. Katastrophale Zustände. Keine Kohle, nichts zu essen, wenig Strom. Im Grunewald und im Tiergarten ist Holzaktion: Von den früher drei Millionen Festmetern Wald in den Berliner Forsten sind nach Abholzung in den beiden Nachkriegswintern nur noch weniger als die Hälfte, etwa 1,4 Millionen, übrig geblieben.

Der Tagesspiegel schildert die Lage am 14. Januar so: „Mehr als zwei Wochen liefen wir in den eigenen vier Wänden mit Hut, Mantel, Schal und Handschuhen umher. Die Wasserrohre waren eingefroren, und man musste es bald aufgeben, sie jeden Morgen wieder aufzutauen. Man ging angezogen ins Bett, und es war beinah eine heroische Tat, morgens bei fünf oder zehn Grad minus im Zimmer aufzustehen...“

Im Februar führte die Kälte dazu, dass 244 Tanzlokale und Luxusgaststätten geschlossen wurden, „etwa zehn Tonnen Kohle und hundert Raummeter Holz wurden dabei beschlagnahmt“. Unter dem Zweispalter vom freudig begrüßten 100 000. Care-Paket steht „Die tägliche Todesstatistik“: zehn Namen an einem Tage, ältere Berliner, die „durch Verhungern und Erfrieren“ den Tod fanden. Und noch etwas melden wir: „Die Berliner Entnazifizierungskommissionen haben im Dezember und Januar infolge der Kälte die für jeden Monat vorgesehene Anzahl von zweitausend Fällen nicht erledigen können“. Aber es gab auch gute Nachrichten. Die Theater spielten wacker weiter, Weihnachten 1946 hatte man die Wahl zwischen 28 Aufführungen. Die Alliierten spendierten Weihnachtszuteilungen: die Amis Trocken-, Konservenfrüchte und Fruchtsaft, die Engländer 145 Tonnen Süßigkeiten, die Franzosen 100 000 Flaschen Sekt und 3000 Hektoliter Wein und die Russen 35 Tonnen Zucker, 80 Tonnen Mehl und 900 000 Flaschen Wodka. Frankreichs Sekt kam wegen der Kälte nicht an, und in Mariendorf waren sie sauer: Statt Wodka gluckerte aus den Flaschen echtes Leitungswässerchen …

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