Berlin : Eisige Stimmung am Bahnsteig Fahrgäste zeigten wenig Verständnis für den Streik

Christine Cornelius/Ferdinand Dyck

Montagmorgen, kurz nach 6 Uhr. Das Reisezentrum am Hauptbahnhof ist voller Menschen. Sie sehen müde aus, einige sind auf den roten Bänken eingenickt. Eine Frau strickt an einem Schal. Es ist ungewöhnlich ruhig. Um die Uhrzeit hat wohl niemand Lust auf Diskussionen. Nur ab und zu kommt ein Reisender durch die Glastür und schaut entgeistert auf die Anzeigetafel, die für die meisten Züge etwa zwei Stunden Verspätung anzeigt. Nicht jeder hatte am Abend Nachrichten geschaut oder am Morgen Radio gehört. Eine etwa 25-Jährige schimpft in ihr Handy. „Ich versuch’ doch jetzt nicht zum Ostbahnhof zu trampen, also echt“, weist sie offenbar den Ratschlag ihres Gesprächspartners zurück. Genervt zieht sie ihren Koffer hinter sich her. Sie will nach Hannover.

Drei Frauen aus Polen stehen in der Eingangshalle und reden aufgeregt aufeinander ein. Sie müssen in Warschau einen Anschlusszug erreichen. Nein, von dem Streik habe sie nichts gewusst, sagt eine von ihnen und schüttelt den Kopf. Und nein, sie habe auch kein Verständnis für die Lokführer. Sie friert. Ein Bahnmitarbeiter schenkt heißen Tee aus.

Am Bahnhof Friedrichstraße ist der Fahrgastandrang um 6.20 Uhr noch überschaubar. Auf die Regionalbahn warten gerade mal drei Menschen, am oberirdischen S-Bahn-Gleis sind es kaum mehr. Viele sind vermutlich auf U-Bahn oder Bus ausgewichen. Doch die wenigen, die warten, sind sauer. Ein etwa 40-jähriger Mann möchte nach Hause nach Erkner. „Es ist einfach ein Never-Ending-Chaos bei der Deutschen Bahn“, sagt er. „Wenn ich zusammenzähle, wie lange ich diesen Winter schon in der Kälte gestanden habe...“ Auch Andy Hinz (34) kommt von der Nachtschicht: „Ich habe bis 6 Uhr gearbeitet, wie soll ich denn sonst nach Strausberg kommen?“ Eine Mutter mit Knirps an der Hand beschwert sich über das Timing der Gewerkschaft: „Das ist der kälteste Tag seit langem, und ausgerechnet heute wird gestreikt. Mein Kind friert, das macht mich wütend.“

Sich aufwärmen, das wollen alle Wartenden an diesem Morgen – auch am Hauptbahnhof. Wenn sie nicht im Reisezentrum sitzen, stehen sie in den kleinen Läden, betrachten die Bücher im Zeitschriftenladen, kaufen belegte Brötchen und Cappuccino. Der Morgen zieht sich in die Länge. Ein Mann hat Glück, sein Zug ist nur eine halbe Stunde verspätet. „Streik ist ein legitimes Mittel“, zeigt er sich verständnisvoll.

Die Gewerkschaft hält ihr Versprechen: zwei Stunden, nicht länger. Um 8.02 Uhr ertönt auf dem S-Bahnsteig die Ansage: „Nach Erkner, einsteigen bitte.“ Christine Cornelius/Ferdinand Dyck

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