Eiskalt erwischt : Hunderte Verletzte durch Blitzeis

Feuerwehr und Polizei im Großeinsatz: Leichter Regen machte am Donnerstagmorgen Berlins Straßen spiegelglatt, Unfälle häuften sich. Ab Freitag soll die Rutschgefahr überstanden sein.

von und Melchior Reihlen
Pfui Pfütze. Das Schnee-Silvesterböllergemisch taut in diesen warmen Tagen, zurück bleiben Splitt und Müll – und große Wassermengen wie hier vor dem Reichstag.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Guenter Peters
10.01.2011 14:01Pfui Pfütze. Das Schnee-Silvesterböllergemisch taut in diesen warmen Tagen, zurück bleiben Splitt und Müll – und große...

Die Feuerwehr war im Ausnahmezustand, Fußgänger balancierten über die Bürgersteige, BVG-Busfahrer tippten nur noch auf die Bremse und brachen ihre Touren wegen gefährlicher Glätte ab: Donnerstag früh ging auf Berlins Straßen zeitweise fast nichts mehr. Leichter Regen traf auf den tiefgefrorenen Boden. Blitzeis bildete sich, vor dem die Meteorologen schon am Vortag gewarnt hatten. Zwischen 9 und 12 Uhr brachten Rettungswagen der Feuerwehr 290 Menschen ins Krankenhaus, die meisten hatten sich bei Stürzen verletzt. Und auch die Polizei war im Großeinsatz. „Es krachte ständig irgendwo“, so ein Polizeisprecher. Zeitweise ereigneten sich jede Minute zwei Unfälle im Stadtgebiet.

Auf dem Flughafen Tegel fielen wegen des Eisregens 15 meist innerdeutsche Flüge aus. Etliche Maschinen mussten vor dem Start von dicken Eispanzern befreit werden. In Schönefeld war der Flugverkehr kaum beeinträchtigt. „Dort hatten wir Glück“, sagte ein Flughafensprecher. „Es gab weniger Eisregen.“ Kaum betroffen war diesmal die Bahn. Die Feuerwehr hingegen rief um 8.45 Uhr den Ausnahmezustand aus. Daraufhin wurden zwanzig zusätzliche Rettungswagen (RTW) in Dienst gestellt und mit Beamten besetzt, die ansonsten auf Löschfahrzeugen unterwegs sind. Um dennoch auch bei Bränden voll einsatzfähig zu bleiben, besetzte man die Feuerwachen teils mit Männern von zehn eilig herbeigerufenen Freiwilligen Wehren. Die Zahl der Hilferufe nahm im Vergleich zu normalen Tagen um zwei Drittel zu. Zeitweise waren 115 RTWs ununterbrochen im Einsatz. Die Rettungsstationen aller Kliniken hatten entsprechend viel zu tun. „Jede Menge los“, hieß es knapp auf der chirurgischen Ambulanz des Virchow-Klinikums der Charité. „Wir sind gut belegt mit Knochenbrüchen“, vermeldete das Kreuzberger Krankenhaus Am Urban. Insgesamt brachte die Feuerwehr gestern zwischen 6 und 21 Uhr 595 Menschen in Kliniken, darunter waren zahlreiche Sturzopfer.

Die Polizei eilte zwischen 9 und 10 Uhr zu 110 Unfällen, meist mit leichten Blechschäden. Zwischen Mitternacht und 11 Uhr krachte es 251 mal. Es gab aber nur sechs leicht Verletzte. „Die meisten Verkehrsteilnehmer fuhren vorausschauend“, lobt ein Polizeisprecher. An Tagen mit normaler Witterung ereignen sich in Berlin 10 bis 15 Unfälle pro Stunde.

Bei der BVG gab es vor allem in den äußeren Stadtgebieten Probleme. Extrem glatt sei es dort gewesen, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Auf der Linie 117 von Lichterfelde-Ost nach Stahnsdorf kapitulierten die Fahrer. Auch Kleinmachnow war vorübergehend vom Nahverkehrsnetz teils abgehängt (siehe nebenstehenden Text). Ansonsten musste die BVG nur auf der U-Bahnlinie 1 mit Schwierigkeiten kämpfen. Die Stromschienen neben den Gleisen der Hochbahn drohten zwischen Warschauer Straße und Nollendorfplatz zu vereisen. Ein Stromausfall wäre die Folge gewesen. Deshalb löste die BVG ein für diesen Notfall vorgesehenes Verfahren aus: Es wurde ein Kurzschluss erzeugt, der die Stromschienen erwärmte und enteiste. Dafür musste der Verkehr auf der Strecke nach 10 Uhr für zwanzig Minuten unterbrochen werden. BVG und S-Bahn warnten mit Durchsagen vor teils glatten Bahnsteigen. Streutrupps waren unterwegs, erreichten aber nicht alle Bahnhöfe. Vor allem ältere Menschen trauten sich morgens nicht aus dem Haus. „Viele unserer Bewohner gehen schon seit längerem nur selten auf die Straße“, hieß es in der Tertianum-Residenz Schöneberg. Junge Leute schlitterten dagegen zur Schule oder Arbeit. Wer zu spät kam, bekam oft keinen Eintrag. „Das ist doch ein akzeptabler Grund“, sagt die Rektorin der Steglitzer Dunant-Grundschule, Ebba Hammerschmidt. An einigen Oberschulen wurde den Schülern etwa auf Plakaten nahegelegt, während der Pause nicht hinaus auf die Straße zu treten.

Ab Freitag soll die Rutschgefahr überstanden sein. Wärmere Mittelmeerluft treibt die Temperaturen hoch. „Bleiben Sie aber vorsichtig, es kann rutschig bleiben“, warnt der Wetterdienst „Blue Sky“.

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