Berlin : Ejyenwtejn

Eisenstein

Peter von Becker

Auch wer den Film nie gesehen hat, kennt doch seinen Titel: „Panzerkreuzer Potemkin“. Allein durch Fotos und Ausschnitte ist das Bild der Soldatenstiefel auf der riesigen Hafentreppe von Odessa, der Sturz eines Kinderwagens über die Stufen und das Schreckensgesicht der Mutter mit ihrem toten Sohn zu einer der berühmtesten, suggestivsten Szenen der Filmgeschichte geworden. Seit seinem „Panzerkreuzer Potemkin“, 1925 in einer hochexpressiven Montagetechnik gedreht, residiert der Regisseur Sergej M. Eisenstein im Pantheon der modernen Kulturgeschichte. Den historischen Aufstand der Matrosen von Odessa im Jahr 1905 machte Eisenstein zum dramatischen Vorzeichen der Oktoberrevolution, bei der 1917 vor St. Petersburg wiederum ein Panzerkreuzer (Ý „Aurora“) eine Rolle spielte. Eisenstein, 1898 in Riga geboren und 1948 in Moskau gestorben, war zunächst Plakatmaler der Roten Armee, arbeitete als Regisseur im Proletkult-Theater und in der Truppe des revolutionären, von Stalin später ermordeten Theaterregisseurs Meyerhold. Auch der gefeierte Filmregisseur, dessen „Panzerkreuzer“ 1933 in Deutschland durch Goebbels verboten wurde, überlebte in der Sowjetunion nur durch Kompromisse, Verrat und Demütigung. Aus seinem Revolutionsfilm „Oktober“ (1928) musste er Stalins Widersacher Trotzkij herausschneiden und den letzten demokratischen Ministerpräsidenten Kerenskij zur Witzfigur machen. Für zwei Jahre emigrierte er in den Dreißigern nach Mexiko, wo seine Filmprojekte scheiterten. Zurückgekehrt in die Sowjetunion, zerschlug sich auch ein Film über den von der Inquisition verbrannten Ketzer Giordano Bruno – zu offensichtlich wären die Parallelen zu den Moskauer Schauprozessen gewesen. Ein zweites filmisches Nationalepos aber wurde 1938 der Historienfilm „Alexander Newski“, mit der Musik von Sergej Prokofjew und einer Widmung für Stalin. Im Lichte des Hitler-Stalin-Paktes inszenierte Eisenstein dann am Bolschoi-Theater Wagners „Walküre“, während der zweite Teil seines Monumentalfilms „Iwan der Schreckliche“ den Zaren als derart grausamen Despoten zeigte, dass der rote Zar im Kreml auch dieses Werk mit seinem Bann versah. Bis heute jedoch wirken Eisensteins Filme auf der internationalen Cineastenszene nach – erst mit Andrej Ý Tarkowskij erlangte der russische Film wieder ähnlichen Weltruhm.

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