Berlin : Elefantös

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die alten Mücken von Marzahn

Vor rund 90 Jahren wogte eine erbitterte Debatte durch Berlin. Im Mittelpunkt stand ein riesiger Elefant aus Stein, als Kolonialkriegerdenkmal unter allerhöchster Protektion auf dem heutigen Bersarinplatz aufzustellen. Daraus wurde bekanntlich nichts, ja, nicht mal zu einer steinernen Mücke reichte es noch, da es schon bald mangels Kolonien keine zu ehrenden Krieger mehr gab. Einige Jahrzehnte später genügte bereits ein winziger Strich, um die Stadt in zwei sich unversöhnlich gegenüber stehende Lager zu teilen. Ostberlin oder Ost-Berlin – das war hier die Frage, sie galt manchem als existenziell. Der Streit um Marzahn vor 25 Jahren war da nur ein Nebenkriegsschauplatz. Immer stand gleich der Vier-Mächte-Status der Stadt auf dem Spiel, die Freiheit ihrer demokratischen Hälfte oder der gesamten westlichen Welt, wenn nicht gar der Fortschritt des Menschengeschlechts. Wer auf den Strich verzichtete, machte sich automatisch verdächtig, den Ostteil der Stadt als autonome, von Westberlin/West-Berlin auf Dauer getrennte Kommune zu akzeptieren, mithin die Mauer als quasi gottgegeben hinzunehmen. Heute wird man derlei Hickhack eher belächeln, nachträglich aber hat der Streit, als lehrsamer Gegenstand der Erinnerung, eine nicht zu unterschätzende Funktion für besagten Fortschritt. Die tönernen Elefanten von damals, vermögen sie uns nicht stets aufs Neue eine fürs friedfertige Miteinander wesentliche Lehre ins Bewusstsein zu rufen? Dass vielleicht auch unsere Elefanten irgendwann nichts mehr bedeuten und nur noch belächelt werden – als die Mücken von damals.

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