Berlin : Elektronisches Zuhören

Mit Hilfe von Cochlear-Implantaten können taub geborene Kinder wieder Geräusche wahrnehmen. In der Rehabilitation lernen sie spielerisch, mit den neuen Sinneseindrücken umzugehen

Madgalene Weber
Wale oder male? Leonie hört genau, was der Computer sagt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Wale oder male? Leonie hört genau, was der Computer sagt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Rasenmäher, Polizeisirenen, Presslufthämmer – Berlin ist eine laute Stadt. Viele Menschen wünschen sich, sie könnten diesem Lärm entfliehen. Leonie Wagner (Name geändert) kann das: Ein Knopfdruck, und die Welt um sie herum ist stumm. Doch die Zehnjährige mit den blonden Haaren, die lilafarbene Haargummis zu einem Zopf zusammenhalten, drückt diesen Knopf nur sehr selten – sie will all die Geräusche hören, die sie umgeben. Denn als sie zur Welt kam, war sie so gut wie taub.

„Zeige das Bild: Wale.“ Aus zwei kleinen Lautsprecherboxen, die auf metallenen Stelzen stehen, ertönt eine Computerstimme. Leonie hört konzentriert zu. Dann zeigt sie mit ihrem Finger auf eines von vier gezeichneten Bildern auf dem Monitor, der ihr gegenüber auf einem Tisch steht: Zwei Wale, die mit großen Fontänen Wasser in die Luft sprühen. „Zeige das Bild: Male.“ Ohne Umschweife deutet das Mädchen auf das richtige Bild: Eine Hand, die mit einem Pinsel eine blaue Linie zieht.

Der Raum, in dem die Grundschülerin mit der eckigen, blau gerahmten Brille sitzt, liegt im Erdgeschoss eines zweistöckigen Backsteingebäudes in Berlin-Neukölln. Er gehört zum CIC, dem Cochlear Implant Centrum Berlin-Brandenburg, einer ambulanten Reha-Einrichtung für Kinder und Erwachsene, die elektronische Innenohrprothesen (Cochlear-Implantate) tragen. Grauer Teppich bedeckt den Boden des Zimmers, seine Wände sind mit grauen, senkrecht angeordneten Kunststoffpaneelen verkleidet: Der Raum ist schallgeschützt. Kein Echo und kein Hall, keine lauten Geräusche von außen sollen hier stören. Denn in dem Therapiezimmer finden Hörmessungen – sogenannte Audiometrien – statt.

Bei diesen Hörtests spielen Audiologen oder Hörtherapeuten ihren Patienten Töne, einzelne Wörter oder ganze Sätze vor. Sie verändern deren Lautstärke oder fügen Störgeräusche hinzu, um festzustellen, wie gut oder schlecht ihre Klienten hören, wie viel Sprache sie verstehen. Die Ergebnisse dieser Tests fassen sie anschließend in einem Audiogramm zusammen: Einem Diagramm, in dem eine Linie anzeigt, ab wie viel Dezibel Lautstärke der Patient die einzelnen Tonhöhen wahrnehmen kann, wie groß also sein Hörvermögen ist.

Als Leonie zum ersten Mal ins CIC kam, befand sich diese Linie ganz unten in ihrem Audiogramm: Sie nahm kaum Geräusche wahr. „Ein Flugzeug hätte neben ihr landen können, ohne dass sie es hört“, sagt die stellvertretende therapeutische Leiterin des CIC, Silvia Zichner.

Heute verläuft die Hörkurve der Fünftklässlerin wie ein Börsenkurs in wirtschaftlich guten Zeiten am oberen Rand des Audiogramms: Leonies Hörvermögen liegt bei über 90 Prozent und damit fast so hoch wie bei Gleichaltrigen. Sie kann feine Lautunterschiede wie die zwischen „Wale“ und „Male“ erkennen und auch leise geführten Gesprächen folgen. Nur bei starken Störgeräuschen, wenn zum Beispiel viele Leute wild durcheinander reden, hat Leonie noch Schwierigkeiten. Dann muss sie sich sehr anstrengen, um alles richtig zu verstehen.

Zwischen diesen beiden Kurven liegen neun Jahre, in denen das Mädchen gelernt hat, mit Hilfe von Cochlear-Implantaten zu hören.

Warum die heute Zehnjährige fast taub zur Welt kam, ist nicht eindeutig geklärt. Die Ursache angeborener Innenohrschwerhörigkeiten können zum Beispiel vererbte Gendefekte, Infektionen mit Masern oder Röteln während der Schwangerschaft oder ein Sauerstoffmangel während der Geburt sein. Sie alle haben zur Folge, dass die Haarzellen im Innenohr absterben. Sie können dann die elektrischen Impulse, in die Geräusche im Innenohr umgewandelt werden, nicht mehr empfangen und an den Hörnerv weiterleiten. Die akustischen Signale kommen nicht im Gehirn an. Cochlear-Implantate können so eine Hörminderung ausgleichen, indem sie die Funktion der Haarzellen übernehmen und den Hörnerv mit elektrischen Impulsen stimulieren.

Dazu bestehen die Prothesen aus zwei Teilen: Einem Sprachprozessor mit Sendespule, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird und einem Implantat mit einer Empfangsspule. Diese platzieren die Ärzte unter der Haut hinter dem Ohr. An dem Empfänger befindet sich ein rund sieben Zentimeter langes, leicht gerolltes Kabel mit kleinen Elektroden, das in die Hörschnecke – die Cochlea – eingeführt wird. Kommen nun von dem Sprachprozessor kodierte Signale als elektrische Impulse im Implantat an, leiten die Elektroden des Kabels diese an den Hörnerv weiter.

Früher waren es vor allem taub geborene Kinder, die ein Cochlear-Implantat bekommen haben. Heute sind es auch immer mehr Erwachsene, die an einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit leiden und sich deshalb für diesen Eingriff entscheiden (siehe Kasten).

Taub geborene Kinder können nach der Implantation von Innenohrprothesen nicht gleich hören. „Das müssen sie erst langsam lernen“, sagt die Audiologin Zichner. Denn wenn der Sprachprozessor zum ersten Mal angeschaltet wird und die ersten Signale an die implantierte Empfangsspule sendet, kommen diese nicht gleich als „Hören“ im Gehirn an. Das Gehirn müsse sich vielmehr erst einmal an die neuen Reize gewöhnen, sagt die Therapeutin. „Wenn kleine Kinder diese Eindrücke zum ersten Mal wahrnehmen, halten sie meist überrascht und interessiert inne“, sagt Zichner. „So als würden sie sich fragen, wo die auf einmal herkommen.“

Das fragt sich Leonie schon lange nicht mehr. Nach den Implantationen hat sie eine Anschlussheilbehandlung im CIC gemacht. Diese dauert allerdings nicht wie normalerweise drei Wochen, sondern kann sich über drei Jahre erstrecken mit 40 Terminen pro Jahr. Denn wie Kinder, die ohne Hörschädigung geboren wurden, brauchen auch die kleinen Implantats-Träger mindestens ein Jahr, bis sie Geräusche nicht nur wahrnehmen und auf sie reagieren, sondern auch beginnen, sie in eigene Laute, in eine eigene Sprache umzuwandeln.

Für die Eltern sei diese Zeit manchmal schwierig, sagt Silvia Zichner. „Schließlich wünsche sie sich nichts sehnlicher, als dass ihr Kind anfängt zu sprechen.“

Damit das auch passiert, versuchen die Therapeuten, die Sprache anzubahnen: Sie spielen mit den Kindern, schauen, wie sie auf Geräusche reagieren. Vor allem aber sprechen sie mit ihnen und bestärken sie in ihren ersten eigenen Sprechversuchen. „Zum Hören- und Sprechenlernen ist Kommunikation das A und O“, sagt die Sprach- und Stimmtherapeutin. „Wie normal hörende Kinder müssen die Kleinen Wörter immer wieder hören, damit ihr Gehirn sie sich einprägen kann.“ Deswegen werden auch die Eltern eng in die Therapie miteinbezogen, damit sie lernen, das Hör- und Sprachvermögen ihrer Kinder zu fördern. Denn natürlich reicht es nicht aus, wenn nur die Therapeuten mit den Kleinen spielen und sprechen: „Auch zu Hause sollten die Kinder viel Ansprache bekommen.“

Doch dies ist nur ein Teil der Reha. Ein anderer wichtiger Teil ist die Anpassung des Sprachprozessors. Dafür wird das Cochlear-Implantat mit einem Computer verbunden. Über ein spezielles Programm können die Therapeuten dann jede einzelne Elektrode in dem implantierten Kabel ansteuern, um beispielsweise die Lautstärke so einzustellen, wie sie für den Rehabilitanden angenehm ist. „Aber was und wie genau die Patienten mit ihrem Cochlear-Implantat hören, das bleibt ihr Geheimnis“, sagt Zichner. Auf die Frage, ob sich die Welt für sie anders anhört als für normal hörende Kinder, kann Leonie keine Antwort geben. Für sie ist das Hören mit den Implantaten schließlich ganz normal. „Ich weiß ja auch nicht, wie es anders wäre.“

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