Berlin : Eleonore Fuchs-Heidelberg (Geb. 1946)

Also immer neu anfangen. Das leere Blatt vornehmen

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Papier ist nicht geduldig. Es will immer wieder beschrieben werden. Wieder und wieder. Ausradiert, beschrieben, neu beschrieben. Die Weltgeschichte umgeschrieben, die eigene Geschichte neu geschrieben, neu erfunden, zum besseren Ende gebracht. Ein unmögliches Unterfangen. Erst recht, wenn man es nicht wagt.

Ein weißes Blatt. Eine leere Leinwand. Die Schiefertafel der Kindheit. Die ersten Kreideschwünge, das waren noch keine Buchstaben, Schwungübungen waren es, reine Rhythmen. Am schönsten war die Welt, als man Lieder in einer Sprache sang, deren Worte man gar nicht verstand. Da gab es keine Missverständnisse. Verzaubert ist die Welt, wenn Gedichte rezitiert werden, die auf Mitteilungen ganz verzichten. Laut und Luise, klingt das nicht irgendwie seltsam froh? Muss man da wissen, wer Ernst Jandl war, um zu verstehen, was er verschweigen will in seinen Versen? Oder „Das große Lalula“ von Christian Morgenstern:

Kroklokwafzi? Semememi!

Seiokrontro – prafriplo:

Bifzi, bafzi; hulalemi:

quasti basti bo …

Lalu lalu lalu lalu la!

Was will uns der Dichter sagen? Die furchtbarste aller Lehrerfragen. Was will uns das Schicksal sagen? Die Dichter behaupten, es spricht in Versen; die Musiker hören überall Töne, die Philosophen meinen, es seien Rätsel, die Humoristen vermuten, das alles sei ein schlechter Witz. Und die Maler? Es gibt keinen verbindlichen Text, der uns die Welt erklärt, es gibt keine Bilder, die uns zeigen, was wir ohnehin nicht sehen können.

Keiner weiß es. Kein Wissenschaftler, kein Mönch in seiner Klause, kein Künstler. Also immer neu anfangen. Das leere Blatt vornehmen.

Am Anfang war das Wort, nein, am Anfang war ein Schriftzug, ein Federstrich, ein großes Innehalten, denn wer kann sich schon sicher sein, dass er etwas zu sagen hat? Sollte man sich so Hölderlin vorstellen, vor dem leeren Papier, immer wieder die gleichen Schriftzüge, aber immer andere Gedanken. Was für Außenstehende unverständlich wirkt, das Beharrliche, das geradezu Monomanische, ist der Wille, dem Schicksal eine Antwort abzutrotzen.

Für ihre Papierarbeiten verwendete Eleonore Fuchs-Heidelberg Römerturm- Bütten aus dem Vorrat eines Künstlerkollegen, der es einer längst nicht mehr existierenden Firma abgekauft hatte. Das sagt dem Laien nichts. Für das Material hat er selten einen Blick. Aber er sieht, schweres Papier hält mehr aus, bemalt, beschrieben, beklebt, gewinnt es Gehalt. Die leichten skripturalen Federschwünge wirken anders auf dunklem Grund.

Hunderte Bilder hat sie gemalt, selbst gerahmt. Dutzende Ausstellungen hat sie bestückt. Sie wollte sich zu Wort melden mit ihren Bildern. Beharrlich, stolz, formulierte sie eine unleserliche Schrift, eine fremde Sprache, Schraffuren ihrer Existenz.

Vieles wird verschwiegen, vieles bleibt Schweigen. Vielleicht ist das gut so. Warum immer alles enträtseln? Immer und immer wieder das leere Blatt vornehmen, immer und immer wieder neu ansetzen, die Geste des immer wieder neu Beginnens ist die geheime Botschaft, die es nicht zu entschlüsseln gilt. Eleonore Fuchs-Heidelberg war kein glücklicher Mensch. Ihre Tochter starb sehr jung. Diesen Verlust verwand sie nicht. Sieht man das in ihren Bildern? Geht uns das etwas an? Ihr Leben ging weiter, mit dem Regenbogen und auch ohne. Die Titel ihrer Werke verraten, dass ihr Leben trotz allem kein glückloses war. „Rainbow flat“ – ein Regenbogen muss sich nicht wölben, seine Farben leuchten auch in der Ebene.

Ihre Wohnung war Schatz- und Grabkammer zugleich. Überall hingen und standen Bilder. Der Besucher war hingerissen. „Jede Leinwand ein gemaltes Buch, das keine Geschichte erzählt; gemalte Zeilen, die andeuten, erahnen lassen, was in Büchern allenfalls zwischen den Zeilen steht … Einen halben Nachmittag habe ich in dem Atelier verbracht. Schließlich habe ich ein Bild gekauft – von meinem letzten Geld. Ich habe es nie bereut, denn seitdem ist dieses Bild mein Lieblingsgedicht.“

Ihr Verehrer verschwand. Ob ihre Bilder je wieder verständige Betrachter finden werden, wer weiß. Das Leben lässt nicht jeden zu Wort kommen. Gregor Eisenhauer

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