Berlin : Elf Grad

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VON TAG ZU TAG

Matthias Oloew eröffnete am Sonnabend die Saison im Prinzenbad

Jetzt mal Hand aufs Herz: Was machen Sie bei elf Grad Außentemperatur? Noch dazu, wenn Regenschauer angekündigt sind? Spazierengehen vielleicht und dabei den Schirm nicht vergessen? Einkaufen, ins Kino gehen oder vielleicht mal wieder ins Museum? Aber wären Sie so verrückt und würden bei elf Grad Schwimmen gehen?

Ich bin so verrückt. Und ich bin es jedes Jahr wieder gerne, dann nämlich, wenn die Sommersaison im Prinzenbad beginnt. Ein wichtiger Tag, schon seit Wochen angestrichen im Kalender. Es ist in aller Regel Ende April, bewölkt und für die meisten Menschen sogar zu kühl, um im Freien einen Kaffee zu trinken. Schwimmen? „Du bist ja bescheuert.“ Wie ich diese Reaktion liebe!

Zugegeben, ich habe auch geschluckt, als auf der Tafel am Eingang „Luft: elf Grad“ zu lesen war, gemessen um neun Uhr morgens. Aber das Schlucken gehört zum Ritual. Genauso die Begrüßungsworte, wie zum Beispiel „ein frohes neues Jahr“. Man hat sich nämlich lange nicht gesehen – seit die Saison im Prinzenbad im September zu Ende ging, um genau zu sein. Und im Kiosk warten seit Jahren die beiden nettesten Kioskverkäuferinnen, die ich kenne. Darauf ist Verlass.

Leider auch auf die Mängel, jedes Jahr ein paar mehr. Der Dreck aus dem letzten Jahr zum Beispiel ist immer noch da. Darüber rümpft jeder die Nase und nimmt es doch dem Personal nicht übel. Das wird nämlich immer weniger und kommt beim Putzen nicht mehr nach. Und bei den BäderBetrieben fehlt das Geld. Zum Saisonauftakt ist nun auch das Mehrzweckbecken „bis auf weiteres“ gesperrt – ein „technischer Defekt“. Und die Stammgäste wissen, auweia, das kann kalt werden. Denn im Mehrzweckbecken vom Prinzenbad ist das Wasser normalerweise angenehm warm. Das nebenan liegende Sportbecken hingegen heißt bei einigen Stammgästen nicht umsonst „Bergsee“ – das Wasser ist eisig. Aber beim ersten Test gestern früh haben alle gemerkt: Diesmal ist geheizt. „Wie ist das Wasser?“ Die Antwort, auch das ein Ritual zum Saisonauftakt: „Ein bisschen nass.“ Und dann hopsen wir hinein und kraulen, während sich über uns der Himmel dunkel zuzieht.

So wird das jetzt weiter gehen. Möglichst jeden Tag. Die Stammgäste genießen die nächsten Wochen, wenn das Bad noch nicht so voll ist und selbst Kampf-und-Terror- Schwimmer genügend Platz im Becken haben. Man wird sich auf der Terrasse treffen, Kaffee zusammen trinken, seine Bahnen ziehen und im September, zum Saisonschluss, wieder wehmütig Abschied voneinander nehmen – nicht ausgeschlossen, dass es dann wieder elf Grad sind.

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