Berlin : Elfenbein für den Regierenden

Von der Kongo-Konferenz 1884 bis zum Einsatz der Bundeswehr: Der afrikanische Staat war immer wieder ein Thema für die Politiker in Berlin

Andreas Conrad

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, auch ein Regierender Bürgermeister weiß das. Und so führte Willy Brandt auf seiner US-Reise Ende September 1962 auch Füllhalter mit Berlin-Wappen und Feuerzeuge mit eingraviertem Bären bei sich. Das war nett gemeint, aber knickerig, verglichen mit dem Präsent, das Brandt laut alten Pressemeldungen kurz zuvor im Rathaus Schöneberg erhalten hatte: einen von Hand bearbeiteten Elefantenzahn, überreicht von einer kongolesischen Wirtschaftsdelegation – noch heute ein kurioses, gleichwohl sinnfälliges Zeugnis der Beziehungen Berlins zu dem afrikanischen Staat, die derzeit mit der Verlegung deutscher Truppen nach Kinshasa eine neue Dimension erhalten. Auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 waren die Grundregeln der kolonialen Unterwerfung für den schwarzen Kontinent festgelegt worden, mit fatalen Langzeitfolgen, an deren Behebung nun auch deutsche Soldaten mithelfen sollen.

Schon bei den von Bismarck initiierten Verhandlungen hatte ein Elefantenzahn eine dekorative Rolle gespielt, gleich zwei Stoßzähne kann dagegen Kai-Uwe Merz, Chef vom Dienst im Senatspresseamt, präsentieren. Offenbar sind sie identisch mit der Kongo-Gabe an Brandt, da ist sich die für die Asservatenkammer zuständige Mitarbeiterin sicher, auch wenn es keine weiteren Unterlagen gebe.

„Doctor Livingstone, I presume.“ Auch dieser berühmte Satz des Afrika-Reisenden Henry Morton Stanley gehört zur Vorgeschichte der Berliner Konferenz. 1871 hatte er den verschollenen Forscher und Missionar im Auftrag einer New Yorker Zeitung gesucht und nahe dem Tanganjikasee gefunden, 1874 bis 1877 das Kongobecken erforscht und sich ein Jahr später dem belgischen König Leopold II. verdingt, um dort dessen koloniale Interessen voranzubringen. Der von imperialen Gelüsten getriebene Monarch hatte die Internationale Kongo- Gesellschaft, die zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Gebietes gegründet worden war, durch heimlichen Aufkauf fremder Anteile in seinen Privatbesitz gebracht und betrieb die Gründung eines Freistaates – ein Projekt, das zunehmend mit den Interessen der anderen europäischen Kolonialmächte kollidierte. 1881 hisste Frankreich im westlichen Kongobecken die Trikolore, Portugal erinnerte sich jahrhundertealter Verträge mit einheimischen Herrschern, wurde darin aus gewiss nicht selbstlosen Motiven von Großbritannien unterstützt, und auch das deutsche Reich wollte der Aufteilung Afrikas nicht länger als Zaungast zusehen, obwohl Bismarck deutschen Kolonien skeptisch gegenüberstand. Die Kongo-Konferenz, die auf Initiative des Reichskanzlers in Berlin zustande kam, sollte die widersprüchlichen Interessen ausgleichen, was auch „zum Nutzen der eingeborenen uncivilisirten Bewohner“ sei, wie die „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung“ am 15. November 1884 zum Auftakt der Konferenz schrieb. Auf die Idee, auch Vertreter der „Eingeborenen“ nach Berlin einzuladen, war niemand gekommen, die „civilisirten Nationen“ blieben unter sich. Neben Deutschland waren dies Österreich-Ungarn, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Spanien, Russland, Dänemark, Schweden-Norwegen, das Osmanische Reich und die USA. Stanley war ebenfalls gekommen, diesmal als „Technischer Beirath der Amerikanischen Vertretung bei der Westafrikanischen Conferenz“ – so stand es auf der Visitenkarte, die er einem Reporter des „Berliner Tageblatts“ in die Hand drückte. Eine große Rolle sollte er bei den Verhandlungen nicht spielen, gleichwohl war er der Medienstar unter den Konferenzteilnehmern, gerne geladen zu Vorträgen und Interviews, wo er dann auch schon mal, wie im Gespräch mit dem „Tageblatt“-Mitarbeiter, „die peinliche Reinlichkeit in den Straßen Berlins“ lobte.

Als Konferenzort hatte Bismarck sein Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße 77 gewählt. Heute stehen dort, mit der Hausnummer 92, Ecke An der Kolonade, DDR-Plattenbauten in gehobenem Standard, und eine dank privater Initiative aufgestellte Tafel erinnert mehrsprachig an das für Afrika so folgenreiche Treffen. Als dessen Vorsitzender war Bismarck selbst gewählt worden, der aber nur zur Anfangs- und Schlusssitzung kam – wohl schon aus protokollarischen Gründen, da kein Staat einen gleichrangigen Vertreter gesandt hatte, vielmehr auf Botschafter- und Gesandtenebene verhandelt wurde – in französischer Sprache.

Die Sitzungen fanden im großen Festsaal statt, der die ganze Mitte der oberen Etage einnahm, einem prächtigen Raum mit viel Marmorzierrat, lichtgrauen Wänden, die Fauteuils und Vorhänge in Rot. Die Delegierten saßen an einem hufeisenförmigen Tisch, zur Orientierung dienten eine fünf Meter hohe Karte Afrikas, dazu eine kleine Bibliothek mit weiteren Karten, Broschüren und Büchern über den schwarzen Kontinent. Für Gespräche in kleiner Runde gab es Räume im Südflügel, dekoriert mit Porträts von Kaiser Wilhelm, Zar Alexander III. und Kaiser Franz Josef, dazu „auf dem Kamin des nämlichen Saales ein enormer, kunstvoll geschnitzter Elephantenzahn auf ebenfalls geschnitztem Untersatz aus Rothholz..., Angebinde des Kaisers von China, welche dem Reichskanzler erst vor Kurzem aus Peking übersandt worden sind“, wie die Leser des „Tageblatts“ erfuhren.

Die Verhandlungen, über die Stillschweigen vereinbart worden war, zogen sich über dreieinhalb Monate hin. Die lange Dauer kam nicht unerwartet, schließlich mussten die Delegationen immer wieder Rücksprache mit ihren Regierungen halten. Am 26. Februar 1885 war es endlich so weit: In 14-facher Ausfertigung wurde die Kongo-Akte unterzeichnet, jeweils mit 19 Unterschriften. Die Unterzeichnerstaaten erklärten das Einzugsgebiet des Kongo, das über die heutigen beiden Kongo-Staaten weit hinausreichte, zur Freihandelszone. Der Niger und der Kongo wurden für die Schifffahrt freigegeben, der Sklavenhandel wurde untersagt und für künftige koloniale Ansprüche das völkerrechtliche Prinzip der „effektiven Besetzung“ festgelegt: Nur jener Staat sollte das Recht auf Erwerbung einer Kolonie haben, der sie auch wirklich in Besitz nahm. Besonders diese Klausel löste einen regelrechten Wettlauf um die noch nicht besetzten Territorien aus, binnen weniger Jahre war Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt.

Eindeutiger Gewinner der Konferenz aber war Leopold II.: Sein Kongo-Freistaat wurde anerkannt. In den folgenden Jahren wurde das spätere Belgisch- Kongo erbarmungslos ausgebeutet und zum Ort einer der brutalsten Formen des Kolonialismus. Auch der spätere Schriftsteller Joseph Conrad hat dies 1890 als Kapitän auf einem Kongo-Dampfer miterlebt, die Erfahrungen bildeten den Hintergrund zu seinem Roman, dessen Titel zum Synonym wurde für Europas Bild von Afrika: „Herz der Finsternis“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar