Berlin : Elfriede Winkelmann, geb. 1894

Kirsten Wenzel

Zu seinem 48. Geburtsag lud Klaus Wowereit Elfriede Winkelmann in den Tierpark ein. Es regnete in Strömen, und im Roten Rathaus wartete der Präsident von Kasachstan. Aber man ist ja nicht jeden Tag mit einer Frau verabredet, die 107 Jahre alt ist. Also schob Klaus Wowereit Elfriede Winkelmann im Rollstuhl vor sich her, quer durch den Tierpark in Friedrichsfelde. Sie lächelt so schön in die Kamera, sagte Wowereit. Ein Medientalent. Es regnete. Und der Regierende freute sich, dass so viele Fotografen gekommen waren.

Mit dem 100. Geburtstag hatte der Trubel angefangen, noch recht harmlos mit Torte, Bericht in der Köpenicker Zeitung ("Älteste Köpenickerin") und einer Kutschfahrt zum Müggelsee. Ab dem 105. ging es richtig los. Bürgermeister und Stadträte drängelten sich, um zu gratulieren. Die Schwestern im Heim "Zur Brücke" mussten sich zu jedem Geburtstag ausgefallene Wünsche ausdenken, den die Amtsträger der alten Dame noch erfüllen konnten. Einmal war es die Kutschfahrt mit dem Hauptmann von Köpenick, ein anderes Mal der Besuch auf der Reichstagskuppel.

Elfriede Winkelmann war jetzt Titelträgerin: die älteste Berlinerin. Auch wenn sie die Menschen um sich herum, wohl auch den Herrn Wowereit, zum Schluss nicht mehr erkannte.

Zu jedem ihrer Geburtstage kamen die Reporter, um immer wieder die gleiche Frage zu stellen: Wie man nur so alt werden kann, da muss es doch ein Geheimnis geben. Waren es die Gene, oder ein spezielles Gesundheitsrezept? Tägliches Olivenöl, Rohkost, schwarze Bohnen, ein Glas Portwein? Dafür hätte sich auch die Werbeindustrie interessiert; die Französin Jeanne Calment war mit ihren 121 Jahren ein begehrter "Werbeträger".

Elfriede Winkelmann langweilten die Fragen der Reporter. "Kennen Sie Silberstein?", wollte sie lieber von ihren Geburtstagsgästen wissen. Silberstein, das war der Ort, in dem sie aufgewachsen war. Auf die Frage, warum sie so alt werden konnte, gab sie nie eine Antwort.

Die speziellen Lebensumstände können es kaum gewesen sein, zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, eine Weltwirtschaftskrise. Aufgewachsen war sie als uneheliches Kind bei den Großeltern. Ihr Leben, das war harte körperliche Arbeit, vom 13. bis zum 65. Lebensjahr: Küchenarbeit, Hausarbeit, und abends nach dem Dienst in Heimarbeit Taschen in Männerhosen nähen. Elfriede Winkelmann hat auch keinen Dauerlauf praktiziert, und auf ihre Ernährung hat sie nie geachtet. Sie hat ihr Leben lang für andere gekocht und selbst gegessen, was es gerade gab. Sie hatte nicht viel. Außer eine fabelhafte Gesundheit.

Was also dann? "Sie war so bescheiden", sagen die Schwestern im Heim. Vielleicht ist das ihr Geheimnis: "Für Mutter war es immer gut, so wie es war", sagt die Tochter. Kein Groll, kein Frust, kein Neid. Also auch kein Magengeschwür. Keine hochfahrenden Sehnsüchte, also keine enttäuschten Erwartungen. Und kein Zorn gegen das Schicksal, auch wenn es mehr als einmal zuschlug.

1936 zum Beispiel, als ihr Mann mit 48 Jahren an einem Schlaganfall stirbt. Die Kinder Heinz und Gerda sind gerade zwölf und sechs. Lange klagen hilft nichts. Elfriede Winkelmann nimmt eine Stellung als Hausverwalterin an, das spart schon mal die Miete. Unten in der Eckkneipe arbeitet sie als Küchenhilfe und darf die Essensreste für die Kinder mit nach oben nehmen.

Dann beginnen 1942 die Flächenbombardements über Berlin. Sohn Heinz wird eingezogen, Tochter Gerda für ein Jahr aufs Land verschickt. Elfriede Winkelmann pendelt Tag und Nacht zwischen Eckkneipe und Schutzkeller, unter dem Arm eine Kiste mit Porzellan und Papieren. Rechts und links schlagen die Phosphorbomben ein. 1944 wird ihr Sohn schwer verwundet. Eine Splitterbombe ist ihm durch den Körper gefahren, er wird nie wieder gesund.

Elfriede Winkelmann hört mit Bangen, wie sich die Front im Osten Tag um Tag nach Westen verschiebt. Erleichtert erfährt sie, dass ihr Sohn und mit ihm das ganze Lazarett auf den Zug geladen und nach Teuplitz in der Nähe von Berlin gebracht werden. Ein paar Tage später: Bomben treffen ihr Haus. Sie ist 60 Jahre alt. Sie kann noch hochlaufen in den dritten Stock und die Nähmaschine aus der Wohnung holen. Als Tochter Gerda von der Arbeit kommt, ist das Zuhause ein Haufen Asche.

Was bedeutet Glück für jemanden, der von der Jugend bis zum Alter nichts anderes kannte als Hunger und Krieg? Frieden. Eine Wohnung und endlich genug zu essen. Elfriede Winkelmanns gute Lebensjahre fielen in die Zeit der DDR. Als die gegründet wurde, war sie 65 Jahre alt. Der Staat ließ sie in Ruhe, auch als ihr Sohn mit der S-Bahn in den Westen floh. Sie lebte in ihrer Wohnung in Oberschöneweide, bis zu ihrem 97. Geburtstag. Der Enkel kam nach der Schule zum Mittag, die Tochter und ihr Mann wohnten nur ein paar Straßen weiter, mit ihren Nachbarn saß sie nachmittags im Garten hinterm Haus. Für ein Körbchen Champignons wanderte sie quer durch die Stadt - und wieder zurück. Nur so, aus Freude.

Die DDR ließ sie auch reisen. Einmal im Jahr besuchte sie ihren Sohn in Pforzheim. Der humpelte noch, aber der Kopf funktionierte. Heinz war Ingenieur geworden, und er zeigte seiner Mutter ein Stück von der Welt. Elfriede Winkelmann lernte Silvretta kennen und Millstatt, Bodensee und Schwarzwald. Und der Sohn kam zu Besuch, nach Oberschöneweide, und wenn er nicht kam, schickte er Pakete. So ging es dreißig Jahre lang. Das war Glück.

Und außerdem war das Leben gut so wie es war.

Dass Klaus Wowereit zu seinem Geburtstag unbedingt mit ihr in den Tierpark wollte, zwei Monate vor ihrem Tod, das nahm Elfriede Winkelmann hin. Den Regen auch. Auf ihrem Gesicht fanden sich keine Furchen der Bitterkeit, nur ein Meer von Lachfältchen unter den Regentropfen. Der junge Mann hat noch ein paar Wünsche frei, mag sie sich gedacht haben. Gönnen wir ihm das seltsame Vergnügen. Zu Elfriede Winkelmanns Glück hat dieser Ausflug jedenfalls nicht mehr gefehlt.

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