Berlin : Elisabethstift: Eine große Familie

Tanja Buntrock

Wie ein riesiger Lego-Baustein wirkt das knallig-türkisfarbene Haus auf dem baumbestandenen Gelände. Wer den Neubau betritt, fühlt sich wie in einer Musterwohnung aus der Architekturzeitschrift: raffinierte Grundrisse, schallisolierte Decken, Helligkeit, viel Glas. Zwischen dem langen Esstisch und der bunten Sofaecke steht Helmut Wegner. "Wir sind froh, dass der Neubau noch rechtzeitig fertig geworden ist", sagt der Geschäftsführer und Leiter des Elisabethstifts, dem Hermsdorfer Kinderheim, in dem rund 70 Kinder und Jugendlichen leben. Heute wird das Heim 175 Jahre alt. Am Vormittag gibt es deshalb einen Festgottesdienst in einem Zelt, nachmittags einen Kindertrödelmarkt und ein Fußballspiel mit Teilnehmern aus der Nachbarschaft. Doch jeglicher Aufwand ist dem Anlass angemessen, findet der Heimleiter. "Man kann wohl sagen, dass wir eines der ältesten Kinderheime in Berlin sind." In Wegners Stimme schwingt ein leichter Anflug von Stolz auf die Geschichte des Heims mit.

Am 5. Mai 1826 hat die Pfarrfrau Caroline Weiße das Elisabethstift in Pankow gegründet. Benannt wurde es nach Elisabeth von Preußen, die das Geld dafür gespendet hatte. 1906 zog das Kinderheim nach Hermsdorf, weil eine dort ansässige Gutsbesitzerfamilie, die Lessingschen Erben, dem Stift ein Grundstück und eine Villa schenkten. Mittlerweile gehört nicht nur die alte Villa, in dem sich die Verwaltung und die Großküche befinden dazu, sondern auch mehrere Häuser drumherum - seit kurzem auch der knallige Neubau. In den einzelnen Häusern befinden sich die Wohngruppen, in denen jeweils 10 Jungen und Mädchen verschiedenen Alters leben. Neun Diakonissen kümmern sich neben anderen Erziehern, die ohne Tracht im Dienst sind, um die Kinder. Zwar untersteht das Elisabethstift dem Diakonischen Werk, doch weder von den Kindern noch von den Angestellten wird erwartet, einem bestimmten Glauben anzugehören. "Wir wollen zwar Lebenshilfe durch die christliche Botschaft anbieten, doch den Kindern ist freigestellt, ob sie das annehmen", sagt Heimleiter Wegner.

Die Wege, auf denen die Jungen und Mädchen in das Elisabethstift kommen, sind in einigen Fällen abenteuerlich. Neulich beispielsweise, hat sich ein vierjähriger Steppke aus der Wohnung seiner Mutter geschlichen, die fest schlief. Irgendwie schaffte er es, an einer Notrufsäule die 110 zu drücken und den Polizisten zu fragen: "Onkel, kannst Du mir Bonbons bringen". Nun lebt der Kleine im Hermsdorfer Heim, weil sich herausgestellt hat, dass die Mutter momentan nicht in der Lage ist, sich ordentlich um ihren Sohn zu kümmern. "Viele Kinder bleiben nur vorübergehend bei uns, bis die Krise in der Familie bewältigt ist", erklärt Wegner, "wir bieten auch Familientherapien an, damit das Kind im besten Fall später die Chance hat, in seine Familie zurückzukehren.

Im Gegensatz zur Nachkriegszeit, in der Heime "reine Aufbewahrungsstätten waren" und teilweise 30 Kinder in einem Raum schlafen mussten, hat sich die Auffassung von Heimerziehung grundlegend gewandelt. So "familienähnlich" wie möglich soll das Leben sein. Nach der Schule kommen die Kinder nach Hauseund essen - wenn möglich - mit den anderen Gruppenmitgliedern. Haben sie ihre Hausaufgaben erledigt, trollen sie sich und gehen spielen. Neben einem Basketballplatz, allerlei Klettergerüsten, Tischtennisplatten und einer Mehrzweckhalle mit diversen Turngeräten, kann das Elisabethstift sogar mit einem kleinen Hallenbad aufwarten. "Darauf sind unsere Kinder natürlich besonders stolz. Hier feiern sie gerne Geburtstagspartys, abgedunkelt und mit lauter Musik. Die Möglichkeit haben ihre Mitschüler eher selten", sagt Wegner.

Das Jubiläumsfest wird auch von den Kindern mit vorbereitet. Silviana hat gerade ihr Zimmer im Neubau bezogen und dekoriert die noch kahlen Wände Riesenpostern ihrer Lieblings-Popstars. Denn heute dürfen die Festbesucher auch den Neubau bewundern: Und da soll doch schließlich alles wohnlich aussehen.

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