Eliteschule des Sports in Berlin : Eine wird schon vor Olympia verlieren

Zwei junge Frauen, ein Traum: Olympia in Rio. Nur für eine wird er wahr. Die andere muss verkraften, was an Deutschlands erfolgreichster Eliteschule des Sports Lernstoff ist: verlieren. Eine Langzeitbeobachtung.

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Auf dem Weg nach Rio: Leonie Kullmann beim Training im Schul- und Leistungssportzentrum Berlin in Hohenschönhausen.
Auf dem Weg nach Rio: Leonie Kullmann beim Training im Schul- und Leistungssportzentrum Berlin in Hohenschönhausen.Foto: Thilo Rückeis

Leonie Kullmann hat sich eine pinkfarbene Badekappe übergestülpt, deshalb leuchtet ihr Kopf jetzt wie eine Boje auf dem Wasser. Eine Boje in Bewegung: Kullmann pflügt auf Bahn vier durchs Becken der Halle an der Landsberger Allee. Bahn vier ist optimal, dort sieht man die Gegnerinnen links und rechts am besten.

Sie gewinnt ihren Vorlauf über 200 Meter Freistil an diesem Tag Anfang Juli, aber es ist kein glanzvoller Sieg, Kullmann schwimmt seltsam verhalten. An der Anzeigentafel leuchtet ihre Zeit auf: 2:00,81 Minuten, weit entfernt von ihrer Bestzeit, die zu dieser Zeit bei 1:59,10 Minuten steht. Und Kullmanns stärkste Konkurrentinnen kommen erst noch, sie treten in anderen Vorläufen an. Wer hier am schnellsten ist, bekommt im Finale Bahn vier, die beste Bahn.
Am Ende wird Leonie Kullmann in den Vorläufen nur die viertschnellste gewesen sein.

Sie haben das Psycho-Spiel gewonnen

Trainer Alexander Römisch klatscht sich dennoch ganz entspannt mit seiner Schwimmerin ab. Sie haben das Psycho-Spiel gewonnen. „Das hat sie super gemacht“, sagt Römisch. Der muskulöse Oberkörper des Trainers steckt in einem gelben T-Shirt, um seinen Hals hängt eine Stoppuhr. „Sie sollte die ersten 100 Meter eher langsam angehen“, sagt er, „sie liegt mit ihrer Vorlaufzeit genau im Plan, perfekt.“

Kullmann sollte nämlich gar nicht die schnellste sein, das hatte Römisch ihr vorgegeben, als irreführende Botschaft an die Gegnerinnen: Leonie Kullmann, 16 Jahre alt, Mitglied der SG Neukölln, Deutsche Vizemeisterin 2016 über 200 Meter Freistil auf der Kurzbahn, ist nicht optimal in Form – so sollte es für die anderen aussehen. Eine bewusste Täuschung, um die Gegnerinnen in Sicherheit zu wiegen.

Schließlich geht es um ein Ticket für die Olympischen Spiele. In der Halle an der Landsberger Allee finden die German Open statt. Hier wird geklärt, wer in Rio die beiden noch offenen Plätze in der 4-x-200-Meter-Freistil-Staffel besetzt. Sollten im Finale zwei Frauen, die noch nicht qualifiziert sind, schneller sein als Leonie Kullmann, wäre sie draußen. Aus der Traum von Rio.

Das Finale, sechs Stunden später. Die Verwirr-Taktik geht auf, die Bahn ist egal: Leonie Kullmann gewinnt in 1:58,62 Minuten, sie holt das Ticket mit persönlicher Bestzeit. Römisch strahlt, seine Athletin sagt: „Einfach geil. Dass es geklappt hat, kann ich noch gar nicht richtig realisieren.“

Sie verfehlt den Balken, fällt auf den Boden

Frankfurt am Main, die Fraport-Arena, ein Tag im Juni. Michelle Thimm balanciert auf dem Schwebebalken, es ist die zweite Olympiaqualifikation des Deutschen Turnerbundes. Michelle Thimm vom SC Berlin, 18 Jahre alt, mehrmalige Deutsche Jugendmeisterin, kämpft ebenfalls um das Ticket für Rio. Bei der ersten Qualifikation hatte sie es verpasst. Jetzt die nächste, die letzte Chance. Sie turnt den Strecksalto, verfehlt den Balken und fällt auf den Boden. Das gibt Punktabzug, und der ist hier letztlich entscheidend. Am Ende sind zwei Gegnerinnen besser als die 18-Jährige. Michelle Thimm ist bloß Ersatz für Rio. Sie darf nur zu den Olympischen Spielen, wenn sich eine andere Teilnehmerin verletzt. „Natürlich“, sagt sie nachher, „bin ich enttäuscht.“

Zwei junge Frauen kämpfen ums Olympia-Ticket, die eine scheitert, die andere holt es. Aber beide hätten ohne ihren schulischen Hintergrund diesen Kampf nie so führen können, wie sie ihn führten. Leonie Kullmann und Michelle Thimm sind Schülerinnen des Schul- und Leistungssportzentrums in Berlin-Hohenschönhausen (SLZB). Beide profitieren von den Unterrichtsbedingungen der größten deutschen Eliteschule des Sports. Aber wie sieht ihr Schulalltag aus? Wie funktioniert der Spagat zwischen knüppelhartem Training und anstrengendem Schulunterricht? Der Tagesspiegel hat die beiden Athletinnen bei ihrem Kampf um ein Rio-Ticket begleitet.

Den kompletten Artikel lesen Sie am Sonnabend, 30. Juli, auf den "Mehr Berlin"-Seiten des gedruckten Tagesspiegels oder im Online-Kiosk Blendle.

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