Berlin : Ella-Anita Cram (Geb. 1923)

Schlauer als ihr Gott können die Kirchenoberen nicht sein

von

Heiligabend 1944, eine deutsche Fliegerabwehrstellung irgendwo am Rhein. Frauen vom Reichsarbeitsdienst helfen hier den Himmel auszuleuchten. Eine davon ist Ella-Anita Cram. Sie muss Wache stehen, und da es die Heilige Nacht ist, spendet sie sich selbst Mut und Wärme. Laut und fromm singt sie: „Stiiihille Nacht. Heilige Nacht!“

Ein Fenster öffnet sich, ein Vorgesetzter ruft in die unstille Nacht: „Ruhe! Bei dem Lärm kann ja keiner schlafen!“

So wird aus einem Mädchen eine Protestantin: Ella-Anita stammt aus großbürgerlichem Haus in Berlin Lichterfelde, von Verwöhnung jedoch kann keine Rede sein. Als ein mittleres von sieben Kindern lernt sie früh, dass Aufmerksamkeit etwas ist, das man sich erkämpfen muss. Wohlstand heißt: Klavierunterricht; am Essen wird gespart, und am Morgen geht es hinaus zum Frühsport. Der Vater führt einen Verlag, ist selten zu Hause und wenn doch, lässt er seine Kinder wissen, dass der Mensch auf Erden ist, um Verantwortung zu übernehmen. Zuneigung und Wärme sind nicht so wichtig. Umso lieber besucht Ella-Anita die junge Gemeinde, wo sie von der bedingungslosen Liebe Gottes erfährt, die ein jeder spürt, wenn er nur fest genug dran glaubt. Der Jugendpfarrer, ein Heißsporn mit ausgeprägtem Bekenntnisdrang, früher SA-Mitglied, dann Teil der Bekennenden Kirche und Hitler-Verächter, lehrt sie: Wenn sonst nichts hilft, bleiben dir die Lieder und die Psalmen.

Derart gewappnet also zieht sie in den Krieg, singt, wenn es nottut, sich die Welt zurecht, bis sie in eine Bombardierung gerät, in der kein Singen hilft. Sie ist sich sicher, dass dies nun ihr Ende ist. Wenn aber nicht, dann ist es der Beweis, dass der Herrgott auf ihrer Seite ist und etwas Irdisches mit ihr vorhat.

Dass sie nach dem Krieg noch einen Umweg geht, eine Lehre im Verlag des Vaters, ist ihrem Pflichtgefühl geschuldet und den Zeiten, in denen kaum jemand erfühlten Gottesplänen nachgeht. Umso erstaunlicher, dass sie es nach der Lehre doch noch schafft: ein Theologiestudium als Frau unter lauter Männern. In der Geschlechterfrage verhalten sich die protestantischen Hierarchen noch ziemlich katholisch. Dass die Pfarrer Frauen ehelichen können, heißt noch lange nicht, dass sie Frauen sein dürfen.

Eine Wesensart von Ella-Anita Cram ist es, sich nicht allzu sehr darum zu scheren, was die anderen denken. Schlauer als ihr Gott, der sie nun mal auf diesen Pfad gesetzt hat, können die Kirchenoberen nicht sein. Sie absolviert die Seminare und die Prüfungen, und wenn sie – anders als ihre männlichen Kollegen – ihre ersten Predigten nicht vor Publikum halten darf, reicht sie sie eben schriftlich ein. Und freut sich, wenn die Männer sie dafür loben, weiß aber auch, dass sie das Lob verdient.

Umso schmerzvoller muss sie lernen, dass sie keine Chance hat, als Pfarrerin eine eigene Gemeinde zu übernehmen. Sie hört die erstaunlichsten Argumente, etwa dass eine Pfarrerin, die ihre Tage hat, kaum in der Lage sein dürfte, ein Sakrament zu spenden.

Dass die Welt nicht nach Prinzipien von Vernunft und Fairness eingerichtet ist, erfährt sie auch im Privaten. Gern hätte sie eine Familie gehabt und Kinder – der dazugehörige Mann jedoch hat sich nie gefunden. Mag sein, dass sie nicht ausdrücklich nach ihm gesucht hat. Kaum vorstellbar war es aber auch, dass eine wie sie die so genannten weiblichen Reize offensiv ins Spiel bringen würde. Sie hatte gelernt, dass das Weib auf den Mann zu hoffen und zu warten hat. Stellt er sich nicht ein, folgt er auch nur Gottes Willen.

Was aber will dieser Gott mit diesen Männern? Während ihrer Pfarrausbildung war sie eine Zeit lang mit zwei Kommilitonen eng befreundet, gute, kluge Kerle. Da hätte sich doch was ergeben können. Sie aber sah, dass beide sich schließlich Frauen zuwandten, die äußerlich anmutiger gewesen sein mögen als sie, in einem theologischen Disput hätten sie ihr aber nie und nimmer das Wasser reichen können.

Mit der Frage nach dem Mann hielt sie es letztlich wie mit jener nach der Pfarrstelle: Der Herr hat sie die Bombennacht überleben lassen. Da soll man nicht undankbar sein und gegen derlei Kleinigkeiten aufbegehren.

Zumal sich dem, der sich zu fügen weiß, nicht selten auch die Dinge fügen. Der Bischof mochte sich weigern, Frauen zu ordinieren; ein Generalsuperintendent fand sich, der das tat.

Nun war sie eine echte Pfarrerin – ohne Pfarrstelle. Statt in eine Gemeinde schickte man sie in eine Berufsschule. Da half kein Widerwort, sondern allein die Einsicht, dass einer guten Pfarrerin die Seelsorge ebenso wichtig sein soll wie die Verkündigung des Gotteswortes. So gern sie auch verkündigt hätte – jetzt ging es darum, junge Seelen zu umsorgen, zuzuhören, Trost zu spenden.

Schon während eines Studienaufenthaltes in den USA hatte sich Ella-Anita Crams Interesse mehr auf das Irdische verlagert. Deutsche Theologen, so ihr Eindruck, wüssten alles über Gott und wenig vom Menschen, während es sich bei amerikanischen genau andersherum verhielt. Sie fand, dass der Christenglaube nicht fürs Jenseits da sei, sondern zuallererst das Hier- und Miteinandersein zu erleichtern habe.

Das war gewiss eine Erkenntnis, die es sich lohnte, den Menschen zu predigen. Wann immer man sie ließ, aushilfsweise und in kleinen Gemeinden, tat sie das in Gottesdiensten. Wer aber den Pfarrberuf zuerst als einen helfenden begreift, wird die Sorge um die Beladenen, die Unterstützung in Notfällen womöglich für verdienstvoller halten als die salbungsvollsten Worte von der Kanzel. In diesem Sinn hat Ella-Anita Cram weitaus mehr geleistet als die meisten ihrer männlichen Kollegen, denen man Gemeinden anvertraute: Erst die Arbeit in der Berufsschule, dann die Seelsorge in einem Spandauer Krankenhaus und bis zur Pensionierung die Ehe- und Erziehungsberatung bei der Diakonie.

So fundiert ihre theologischen Kenntnisse waren – bei dieser Arbeit halfen sie oft nicht weiter. Was tat der schönste Psalm, wenn jemand mit einer Angststörung vor ihr saß? Was halfen dem Psychotiker fundierte Zugänge zur Bibelexegese? Zehn Jahre lang, von 1960 bis 1970, absolvierte die Pastorin eine Psychoanalyseausbildung. Die kam ihr nicht nur bei der Arbeit für die Kirche zugute; zu Hause richtete sie auch ein Zimmer für Therapiesitzungen ein.

Ihr Zuhause, das war lange Zeit die Familienvilla in Lichterfelde. Dort lebte sie mit Vater, Mutter und einer Schwester und kümmerte sich neben ihren beruflichen Dingen auch noch um den Haushalt – was vor allem bedeutete, Personal und Handwerker einzuweisen und Gastgeberin für die Verwandtschaft zu sein. Der Verlag, in dem sie ihre erste Ausbildung erhalten hatte, florierte wieder und sicherte der Familie den Wohlstand. Fürs Geld hätte Ella-Anita Cram nicht arbeiten müssen. Ein Leben ohne Arbeit erschien der Protestantin aber völlig unvorstellbar.

Ebenso unvorstellbar war es, im Haus der Eltern die Zügel lockerzulassen, so lange sie dort lebte. Als sie 54 war, entschied sie sich endlich, eine eigene Wohnung zu beziehen. Jetzt hatte sie mehr Zeit für Reisen und Konzerte – und natürlich für die Arbeit. Neben Diakonie und der Psychotherapie konnte sie sich um die Dahlemer Gemeinde kümmern, der sie nunmehr angehörte. Gefragt oder ungefragt: Wo sie war, fühlte sie sich zuständig.

Zurückhaltendere hielten das manchmal für übergriffig. Dabei hätten sie nur sagen müssen: „Ella-Anita, jetzt halte dich mal zurück.“ Ihr Grundsatz lautete: Wenn einem was nicht passt, dann soll er’s sagen.

Das galt auch für die Hilfesuchenden. Was aber, wenn es keinen gibt, der zuhört? Dann soll er anrufen! Ihr wohl größter Verdienst, das war die Telefonseelsorge. In Berlin waren sie die ersten Deutschen, die so etwas einführten. Ella-Anita Cram gehörte in den fünfziger Jahren zu den Initiatoren. Dass den Verein ein paar Männer gründeten und sie, die Frau, nicht einmal fragten, das nahm sie zur Kenntnis. Aber sie fand es wichtiger, den Leuten zu helfen, als sich an den Gockeln abzukämpfen.

Bis sie 90 war, fuhr sie einmal in der Woche von Dahlem nach Neukölln und übernahm eine Schicht am Telefon. Da hörte sie den Lebensmüden zu, gab Ratschläge, und wer dafür empfänglich war, bekam von ihr einen schönen Psalm auf den Weg. Zu Weihnachten konnte es auch helfen, mit dem Anrufer gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen.

Wenn sie am Telefon von Engeln sprach, was durchaus vorkam, meinte sie keineswegs solche, die nackt am Himmel flattern. Engel, das waren für sie Menschen, die anderen Menschen helfen. Solche wie sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar