Berlin : Elly Lehning, geb. 1914

Claudia Keller

Der 22. Juli 1954 war ein heißer Sommertag. Elly Lehning feierte ihren 40. Geburtstag, ausgelassen und vergnügt. Denn an jenem Donnerstag hatte sie von ihrem Chef erfahren, dass sie an der Instandsetzung des Berliner Buchdruckerhauses mitarbeiten sollte. Ihr Chef, das war der Architekt Max Taut. Lehning hatte als Meisterschülerin bei ihm studiert. Den Gewerkschaftsbau in der Tempelhofer Dudenstraße, um den es nun ging, kannte sie schon sehr lange.

Als Max Taut 1924 den Grundstein für das Gebäude legte, war Elly zwar erst 10 Jahre alt. Aber mit ihrem Vater ist sie später oft an dem Gebäude vorbeikommen, obwohl die Familie gar nicht in der Nähe, sondern in Schulzendorf im Osten Berlins eine kleine Villa bewohnte. Der Vater arbeitete als Ingenieur bei AEG im Wedding. Er war begeistert von Tauts schnörkellosem Baustil und stattete dem Buchdruckerhaus immer einen Besuch ab, wenn er in der Nähe zu tun hatte. Und wenn die kleine Elly ihn begleitete, zupfte er sie am Arm und machte sie auf die gelben Klinker aufmerksam, die so freundlich in der Sonne leuchteten, und auf die rot gestrichenen Fensterrahmen. Einmal sogar hat er sie mitgenommen in den Hinterhof, wo die Druckmaschinen ratterten. Dort sind sie mit dem glasummantelten Fahrstuhl gefahren. Noch Jahre später konnte sich Elly Lehning daran erinnern, wie die schwarzen Kacheln mit den gelben und roten Streifen an ihr vorbeisausten.

Im Lyzeum war das wohlbehütete Mädchen eine der Besten, besonders Mathematik und Physik machten ihr Spaß. Maschinen, Technik - das faszinierte sie. Und die Häuser, die in den zwanziger Jahren in Berlin aus der Erde schossen und eine neue Epoche ankündigten, die Schluss machen sollten mit der Schnörkelbauerei, die möglichst viel praktischen Wohnraum boten. Der Vater sorgte dafür, dass die Tochter bei der AEG eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin absolvierte. Danach wollte sie Architektur studieren. So viel stand fest.

Aber dann begegnete sie ihrer ersten und einzigen großen Liebe und dachte nicht mehr ans Studium, sondern heiratete ganz schnell. Da war Elly Lehning zwanzig Jahre alt. Mit ihrem Mann wanderte die große, sportliche Frau viel, fuhr Kanu, sang im Chor und reiste bis nach Italien und in die Schweiz. Nie wieder war sie so glücklich wie in jenen vier Jahren.

Denn Ende der dreißiger Jahre veränderte sich unter der Nazi-Herrschaft die Stimmung im Land, in der Stadt - und in ihrer Ehe. Zunächst allmählich. Dann massiv. Ihr Mann trat in die NSDAP ein und begann, in Nazi-Parolen zu sprechen. Elly erkannte ihn nicht wieder. Sie selbst stand dem Regime kritisch gegenüber, sah nicht ein, warum sie ihre jüdischen Freundinnen nicht mehr grüßen oder besuchen sollte. Ihren Vater, einen überzeugten Sozialdemokraten, hatten die Nazis schon 1934 ins Gefängnis gesteckt. Nach ein paar Monaten wurde er zwar wieder entlassen. Aber er verlor seine Arbeit, die Gestapo beobachtete ihn. Die Angst zog ein in die Schulzendorfer Villa.

Immer häufiger kam es zum Streit zwischen dem Vater und dem Schwiegersohn. Die Tochter hielt zum Vater. Der Schwiegersohn lernte schließlich eine andere Frau kennen, 1941 ließ er sich scheiden. Elly Lehning konnte es nicht begreifen, wie sich ihr Mann, der ihr doch einmal so nahe stand, so hatte verändern können. Sie war verzweifelt, dachte an Selbstmord. Aber dafür war sie zu pflichtbewusst. Sie hatte ja noch ihre Eltern, um die sie sich kümmern musste.

Jetzt, nachdem ihr privater Traum gescheitert war, erinnerte sie sich wieder an eine andere, schon fast vergessene Sehnsucht: Vielleicht würde sie es ja doch noch schaffen, Architektin zu werden. Die Kurse in der Hochschule "Kunst und Werk" lenkten sie ab von ihrem privaten Unglück. Sie fand neue Freunde und einen Lehrer, der sie förderte. Peter Friedrich lobte ihr "technisches Geschick, ihre Ausdauer und ihr gestalterisches Können" und vermittelte sie 1945 an seinen Kollegen Max Taut an die Hochschule für Bildende Künste in Wilmersdorf. Ihre Sehnsucht erfüllte sich: Hier konnte Elly Lehning mithelfen, die zerstörte Stadt neu aufzubauen. Und sie konnte ihr eigenes Leben noch einmal neu entwerfen.

Wie ein posthumes Geschenk an ihren kurz nach dem Krieg verstorbenen Vater kam es ihr vor, als sie 1954 ausgerechnet an der Instandsetzung des Tempelhofer Buchdruckerhauses und an den angrenzenden Neubauten mitarbeiten durfte. Das Gewerkschaftsgebäude war unter den Nazis enteignet worden und unterstand der "Deutschen Arbeitsfront". Die früheren Mitarbeiter waren ins Exil geflohen oder in Konzentrationslagern ermordet worden. Das Gebäude hatte nur in den letzten Kriegstagen einige Granateinschläge abbekommen. Aber die Decken hingen herunter, das Haus war in den Nachkriegsjahren mehr und mehr verwahrlost. Nachdem es schließlich an die Gewerkschaft Druck und Papier rückübereignet worden war, wurde es 1954 umfangreich saniert. Nachdem das Haus in den vergangenen dreißig Jahren ziemlich heruntergekommen war, sollten die gelben Klinker an der Straßenfassade nun wieder leuchten.

Und auch in Elly Lehnings Privatleben leuchtete wieder ein Hoffnungsschimmer. Anfang der sechziger Jahre zog sie mit ihrem ehemaligen Lehrer, dem zwölf Jahre älteren Peter Friedrich in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Eine große Liebe wurde daraus nicht mehr, eher eine Arbeits- und Fürsorgegemeinschaft. Sachlich und schnörkellos eben. So wie die Häuser, die Elly Lehnig zeitlebens bewundert hatte.

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