Berlin : Eltern auf Probe

Beim Projekt „Babyboom“ sollen Jugendliche mit Puppen lernen, wie es ist, Vater oder Mutter zu sein

Anne Wüstemann

Seit drei Tagen zieht Sirarpi auf der Straße die Blicke auf sich. Es sind nicht nur freundliche, sagt sie, auch vorwurfsvolle. Sie trägt einen schreienden Säugling im Arm. Die Schülerin ist 17 Jahre alt. Was die Passanten nicht wissen: Das Kind ist nur eine Puppe.

Immer mehr Jugendliche tragen allerdings ein echtes Baby im Arm. In Berlin waren im Jahr 2002 knapp zwei Prozent der Schwangeren unter 18 Jahren alt, Tendenz steigend. Allein in Lichtenberg ist die Zahl minderjähriger Schwangerer zwischen 2000 und 2002 um 1,6 Prozent gestiegen. Die meisten Jugendlichen glauben, sie seien aufgeklärt. Wie eine aktuelle und anonyme Befragung des Bezirksamtes Lichtenberg unter 1000 Schülern und Lehrern ergeben hat, stimmt diese Selbsteinschätzung nicht. Themen, die insbesondere in der Schule zu kurz kommen, seien sexuelle Praktiken und Schwangerschaftsabbruch.

Das Projekt „Babyboom“ soll hier helfen. Zehn Mädchen und ein Junge aus dem zehnten Jahrgang der Carl-von-Ossietzky-Oberschule in Kreuzberg sind in dieser Woche Eltern auf Probe, um zu erleben, wie es ist, Vater oder Mutter zu sein. Ihre Babypuppen haben einen Tagesablauf wie echte Säuglinge. Sie schreien, lachen oder schlafen. Egal, ob bei Tag oder bei Nacht. Egal, ob beim Essen oder in der U-Bahn. Keiner der Probeeltern kann sein Kind abstellen, Vernachlässigung wie Fürsorge zeichnet ein Computerchip auf.

„Wenn meine Mutter aus dem Urlaub zurückkommt, bedanke ich mich erst mal dafür, was sie mit mir alles durchgestanden hat“, sagt die 15-jährige Esra. Alle Jugendlichen hatten erwartet, dass es anstrengend würde. Aber wie sich Vater und Mutter wirklich fühlen, können sie erst jetzt nachempfinden. Um darüber zu sprechen, treffen sich die Jugendlichen jeden Morgen mit den Projektleiterinnen, der Diplompädagogin Tatjana Schulz und der Diplom-Kauffrau Antonia Djender. Im Notfall können sie die auch nachts anrufen. Außerdem besuchen sie Einrichtungen, die Hilfe bei ungewollter Schwangerschaft bieten oder bei Fragen zur Verhütung. Das Projekt haben die beiden Frauen entwickelt und bieten es nun sozialen Einrichtungen an.

Auch Bettina von Kirchbach ist immer dabei. Die Biologielehrerin hätte am liebsten, dass das „Babyboom“-Projekt zur Pflicht in jeder Schülerkarriere wird. „Die Schule soll auf das Leben vorbereiten – und Kinder aufziehen ist eines der wichtigsten Dinge des Lebens“, erklärt sie. Dabei soll die Probezeit nicht abschrecken, sondern vorbereiten. „Ich habe im Laufe meiner Arbeit so viele kennen gelernt, die nicht auf ihre Elternschaft vorbereitet waren. Das darf nicht sein“, betont die 40-Jährige. Mit ihrer Arbeit will sie auch verhindern, dass überforderte Mütter oder Väter ihre Kinder vernachlässigen.

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