Eltern erzählen vom ersten Kind : „Ich habe plötzlich ein richtiges Zuhause“

Geschrei und Küsse, Glücksmomente und Depression - vier Berliner Eltern berichten von der aufregenden Anfangszeit zu dritt.

von
Hört mich keiner ? Alle wissen: Babygebrüll kann Eltern in den Wahnsinn treiben. Wie sich dieser Wahnsinn anfühlt, weiß man erst, wenn das Baby da ist.
Hört mich keiner ? Alle wissen: Babygebrüll kann Eltern in den Wahnsinn treiben. Wie sich dieser Wahnsinn anfühlt, weiß man erst,...Foto: Loic Venance/ AFP

Das erste Kind verändert alles. Wir haben mit mehreren frischgebackenen Müttern und Vätern aus Berlin gesprochen, wie das Elternsein ihr Leben verändert hat. Was hat sie am meisten überrascht und auf welche Tipps hätten sie am besten verzichten können?

„Ich habe plötzlich ein richtiges Zuhause“

Was hat Sie früher an anderen Eltern genervt?

Wenn in meinem Bekanntenkreis jemand Mutter oder Vater geworden ist, hat sich bei denen plötzlich alles nur noch ums Thema Kind gedreht. Es gab kaum noch andere Gesprächsthemen. Was hat es gegessen? Wie hat es geschlafen? Welche Windeln? Lauter uninteressantes Zeug. Ich dachte dann immer, au weia, sind die aufs Kind fixiert und langweilig geworden.

Und wie haben Sie sich seit der Geburt Ihrer Tochter verändert?

Jetzt verstehe ich, wie wichtig alle diese Dinge plötzlich sind, weil sie ziemlich viel Platz in meinem Leben einnehmen. Geht es meiner Tochter gut? Schläft sie gut? Dann bekomme auch ich ein bisschen mehr von dem dringend notwendigen Schlaf. Wenn mein Kind schreit, ertappe ich mich dabei, wie ich alles versuche, dass es aufhört. Nicht nur des Kindes wegen. Schreiende Babys machen einen total fertig. Vor allem, wenn es die eigenen sind, man nicht einfach die Tür zumachen oder die Straßenseite wechseln kann.

Gibt es Dinge, die Sie grundsätzlich umstellen mussten?

Seit der Geburt hat sich unser Tagesablauf sehr verändert. Alles dauert dreimal so lange. Mal eben anziehen und beim Bäcker Brötchen holen geht nicht mehr. Es kann jetzt schon mal eine halbe Stunde dauern, bevor man überhaupt aus dem Haus kommt, weil tausend Dinge dazwischenkommen: Windeln wechseln , ein umgekipptes Glas, ein nasses Kind, das man schnell noch umziehen muss. Gleichzeitig lerne ich, effektiver mit meiner Zeit umzugehen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, um mir ein bisschen Zeit freizuschaufeln. Meine ganz persönlichen Momente wie Sport oder am Motorrad rumbasteln, Hobbys, Freunde oder Ausgehen, kommen total zu kurz. Ich war in den letzten 14 Monaten nicht mehr im Kino, obwohl ich da gerne hingehe.

Foto: privat

Wofür lohnt sich das alles?

Ich habe plötzlich ein richtiges Zuhause bekommen. Das ist ein tolles Gefühl. Egal, wo ich bin und was ich grad tue, wenn ich zu meiner kleinen Familie komme, weiß ich, dass ich angekommen bin. Das ist mein kleiner Mikrokosmos, mein Mittelpunkt, der mir Kraft und Antrieb gibt und sehr viel Wärme. Das fühlt sich verdammt gut an.

Wie selbstverständlich ist es, in Ihrem Bekanntenkreis Kinder zu bekommen?

Mit Berlin als Stadt hat man es als Eltern recht gut getroffen. Der Lebensunterhalt ist günstig, und weil eh alle Kinder kriegen, gibt’s auch im Job jede Menge Verständnis und Akzeptanz. Ich möchte nicht wissen, wie das in Städten wie New York oder London ist, wo man zwei Gehälter alleine für die Miete braucht, und das in einer Gegend, in der man nicht möchte, dass Kinder dort aufwachsen? Ich habe auch Freunde, die keine Kinder haben wollen, weil ihnen das zu zeitintensiv und energieraubend ist. Sicherlich gibt es auch Menschen, die auf Nachwuchs verzichten, weil sie die zukünftige Entwicklung der Lebensqualität unseres Planeten eher pessimistisch betrachten. Ich jedenfalls möchte meiner Tochter helfen, ein wertvoller Mensch für unsere Erde zu sein.

Jochen M. (45) arbeitet freiberuflich als Fotograf. Er wohnt mit seiner Freundin und seiner 14 Monate alten Tochter Laila in Mitte. Früher fand er andere Eltern langweilig. Jetzt ertappt er sich selbst dabei, dass er kaum über etwas anderes spricht.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben