Berlin : Eltern muten ihren Kindern viel zu - wenn sie nur früher aufs Gymnasium kommen

Kerstin Decker

Eltern und Schüler gehen auf die Straße, um gegen Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu protestieren. Ob Förderunterricht, grundständige Gymnasien oder Zentralabitur - der Berliner Senat scheut vor klaren Entscheidungen zurück. Die Politik nimmt auf Einsprüche von Interessengruppen Rücksicht, wartet ab. Sie hat mehr Zeit als unsere Kinder. Deswegen beginnen wir diese Serie. Redakteure mit Kindern schreiben, was sie erleben - und: was sie wollen.

Diese Gesellschaft ist hammerhart. Zensuren jetzt!", forderte ein hammerhartes Elternteil, als die Kinder in die zweite Klasse kamen. Wir anderen schauten wie etwas überalterte Waldorf-Schüler und wiegten ablehnend den Kopf. Die Lehrerin hatte uns erklärt, unsere Kinder könnten ein weiteres Jahr ohne Zensuren, ohne Druck zur Schule gehen. Und das wollten wir. "Aber diese Gesellschaft ist Druck, absoluter Überdruck!", unternahm das verzweifelte Elternteil einen letzten Versuch. Wir bedachten es mit einem gleichgültigen "Später, vielleicht!"

Etwas später erklärte die beste Freundin des Kindes, gerade neun Jahre alt, sie wolle bald hebräisch lernen, was ungefähr wie chinesisch sei, nur viel komplizierter. Und zwar auf dem jüdischen Gymnasium. Ich hatte das Judentum unserer Bekannten nie bemerkt. Wolle sie also Rabbi werden? Das wisse sie noch nicht genau, antwortete die Freundin mit großem Ernst. Den Eltern gab ich zu bedenken, dass nicht mal Woody Allen Hebräisch könne zur größten Enttäuschung seiner Familie. Worauf nur ein selbstsicheres "Woody Allen ging auch nicht auf eine Berliner Schule!" zurückkam. Es bedeutete: Wenn du in Berlin wohnst und dein Kind trotzdem früh etwas lernen soll, dann ist Hebräisch der Preis. Oder Latein. Oder Griechisch. Oder alles zusammen.

Gymnasien, die nach der vierten Klasse beginnen, sind oft altsprachlich. Und absolut überlaufen. Ein Durchschnitt von 1,O erhöht ganz sicher die Wettbewerbsfähigkeit, überlegten die Eltern der zukünftigen Rabbinerin. Ab jetzt war jede Drei ein mittelschwerer Weltuntergang. Eben war man noch ganz ohne Druck, ohne Zensuren zur Schule gegangen. Berliner Bildungsmisere? Die Zahl der grundständigen Gymnasien soll nicht wachsen. Und Böger verschob die geplante Leistungsdifferenzierung an der Grundschule. Aber sehen wir das doch mal positiv. Immer mehr Schüler (die Bonner!) drängen nach einem hammerharten Kampf um jede Eins an die wenigen, oft altsprachlichen grundständigen Gymnasien. Darin liegt eine Chance. Berlin könnte das neue Zentrum der Bibelforschung werden! Die internationale Hauptstadt der Altphilologen! Nur Jürgen Rüttgers Problem wäre nicht gelöst. Ob wir mit hebräischen Computerprogrammen die Inder ausstechen?

Das Schlimmste aber ist, dass die Diese-Gesellschaft-ist-hammerhart-Eltern am Ende Recht behalten. Wie überhaupt das Krude die Wirklichkeit auf seiner Seite hat. Die unausweichliche Leistungsdifferenzierung wird vor allem eine soziale Differenzierung sein. Wer noch in der DDR zur Schule ging, lernt wahrscheinlich nie, Worte wie "Unterschicht" oder "die Prolls" auszusprechen. Schon weil man die Jugend zusammen verbrachte. Die Abiturstufe setzte erst mit der neunten Klasse ein, für manche mit der elften; viele wurden ohnehin nicht zur Oberschule zugelassen. Sie machten das Abitur später und wussten plötzlich auch warum. Weil sie unbedingt noch einmal jemand nach dem "Faust" fragen sollte und nicht nur, ob die Pappe schon gefaltet und die Ware schon ausgepackt ist.

Leistungsdifferenzierung? An jeder Schule sind die Lehrer der Staat und die Klasse ist die Gesellschaft. Anerkennung durch den Staat war auch hier fragwürdig. Streber! hieß das Bann-Wort, der Anfang aller Schmerzen. Anerkannt wurde eine gewisse natürliche Intelligenz, zumal wenn bei Klassenarbeiten - in unmittelbarer Anwendung des kommunistischen Gedankens - alle was davon hatten, oder doch mehr christlich: wenigstens deine Nächsten. Dass Fleiß etwas Positives sein kann, haben manche spät, fast zu spät begriffen. Jedenfalls war es viel zu spät für Hebräisch. Und Computer hatten wir nicht. Geht es heute überhaupt noch um den "Faust" in unserem globalen Silicon Valley?

Lernen ist eine Frage der Atmosphäre. Es wird nichts daran vorbeiführen, dass die Spezialisierung des Geistes schon an der Grundschule spürbar wird. Die, die wissen wollen, und die, die nicht wissen wollen, werden sich wohl immer früher trennen müssen.Aus der Serie: Zukunft der Berliner Schulen: Grosse Pause und kein Klingeln (1)

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