Elternkolumne: Was die Familie im Herbst erleben kann : Mit den Gänsen schnattern

Wenn die Tage kürzer werden, kommen die Zugvögel. Hunderttausende Kraniche und Gänse rasten zurzeit um Berlin. Zeit zum Staunen - für Kinder und Eltern.

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Zugvogelzeit. Im Oktober sind die Chancen am größten, ziehende Kraniche oder Gänse zu beobachten - auch mitten in Berlin.
Zugvogelzeit. Im Oktober sind die Chancen am größten, ziehende Kraniche oder Gänse zu beobachten - auch mitten in Berlin.Foto: dpa

Wenn Lina ganz sie selbst ist, ist sie meistens irgendein Tier. Zum Beispiel sagt sie „Ich bin ein Siebenschläfer“, wenn sie morgens gut gelaunt, aber noch müde aufwacht. „Siebenschläfer rennen nämlich nachts rum.“

Manchmal ist sie auch eine Katze, die gekrault werden möchte. Öfter allerdings ist sie ein Löwe, der brüllt, weil er Hunger hat – und dabei manchmal die Kurve zwischen Spaß und Ernst nicht kriegt. Wenn Lina sagt: „Ich bin ein Reh“, bedeutet das einige Sekunden himmlischer Ruhe, weil Rehe ihr als Inbegriff des Schweigens gelten. Wir Eltern hätten in diesen Momenten die Chance, Wichtiges zu besprechen, aber oft überrascht uns die plötzliche Stille derart, dass uns gar nichts einfällt.

Um es offen zu sagen: Lina schnattert fast ununterbrochen. Eine Gans wollte sie trotzdem bisher nie sein, und es wäre auch unfair, ihr das einzureden. Lina schnattert nämlich viele kluge und lustige Dinge. „Blaubeeren heißen so, weil sie so rund sind“, beispielsweise. Oder sie stellt sich beim Essen plötzlich auf die Sprosse ihres Kinderstuhls und singt: „Der Herbst steht auf der Leiter …“ Dann lachen wir gemeinsam, obwohl aus pädagogischen Gründen eine Ermahnung wohl angebrachter wäre. Aber Erziehung ist nicht meine größte Stärke.

Als wir kürzlich im Urlaub einen Vogelbeobachtungsstand erklommen und eine Schautafel mit dem Bild eines Kranichs studierten, sagte Lina: „Ich bin Nils Holgersson“. Sie weiß über jenen Nils bisher nur, dass er auf dem Rücken einer Gans fliegt. Die Vorstellung gefällt ihr, und der Unterschied zwischen Wildgänsen – von Lina auch „Waldgänse“ genannt – und Kranichen ist ihr schnurz. Sie weiß, dass beide im Sommer nach Schweden fliegen, weil es da schön ist, und im Winter nach Afrika, weil es da schön warm ist. Das stimmt zwar nur ganz grob, ist aber für eine Dreijährige nicht schlecht, finde ich.

Wenn wir in diesen Tagen draußen sind und Lina gerade ein Reh ist, hören wir oft Kraniche oder Gänse, die in langen Keilen über uns ziehen – und dabei auch mitten über die Stadt fliegen, die für sie wohl nur einer von ganz vielen Orientierungspunkten auf dem Erdball ist. Dann bleiben wir andächtig stehen und schauen ihnen nach, bis mir der Nacken schmerzt und Lina etwas Neues einfällt, also meistens nicht lange. Es sind die schönsten Momente, die so ein Herbst zu bieten hat, finde ich.

Die besten Blicke auf die Zugvögel gibt es im Umland, zum Beispiel in Linum (Ostprignitz-Ruppin), wo zurzeit mehr als 100 000 Kraniche rasten. Informationen findet man unter www.oberes-rhinluch.de/kranichschutz. Was die nationalen Schutzgebiete in Brandenburg noch alles bieten, erzählt ein neues Buch: „Wildes Brandenburg“ (L&H-Verlag, 19,80 Euro).

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