Berlin : Elvis im Rausch der Schallwellen

Wohnen mitten im Verkehrslärm – und das auch noch ohne Führerschein

Thomas Loy

Auch Lärm ist relativ. So sehr relativ, dass Elvis auf dem Balkon einschlafen und vom Meer träumen kann, während ein paar tausend Autos an ihm vorbeirasen. So ist das. Ein Gemüt wie Elvis, der eigentlich Sven-Olaf heißt, aber von allen Elvis genannt wird, sollte man schon haben. Ein gemütliches Gemüt ist das. Kommt von dem alten Südstaaten-Blues, den er immer hört, wenn er nicht gerade Elvis hört. Bei geschlossenem Fenster. Sonst hört er ja nur die Autos.

Also: Sven-Olaf Scholz wohnt Platte, im neunten Stock. Ist nicht weiter erwähnenswert, wäre da nicht die Straßenbahn-Trasse vor seinem Haus. Und dahinter die viel befahrene Pasewalker Straße, die später in die B 109 nach Buch übergeht. Und dahinter die Autobahn A 114 nach Dreieck Pankow. Und dahinter der große Park & Ride-Parkplatz. Und dahinter die S-Bahnlinien 4 und 8. Und dahinter, nein darüber dann die Flugzeuge nach Tegel. Aber die hört man ja gar nicht vor lauter Verkehrslärm.

Und weil sich Elvis an das alles in vier Jahren längst gewöhnt hat, nimmt er in den tieferen Schichten seines Bewusstseins nur immer dieses an- und abschwellende Rauschen wahr, wenn er auf seinem Balkon eine Marlboro raucht. Wirklich ärgerlich ist nur: Das Rauschen dürfen nur die anderen machen. Elvis hat keinen Führerschein. Dafür hat das Geld nie gereicht.

Vor vier Jahren sind sie also eingezogen. Elvis, seine Frau und seine Tochter.

War ’ne Art Notsituation, weil sie aus der alten Bleibe wegen Renovierung raus mussten. Die Zwei-Zimmer-Küche-Bad wollte sonst keiner haben, erzählt Elvis, also kamen sie problemlos zum Zuge. Ist ja auch verkehrsmäßig toll angebunden. Und finanzierbar. Elvis ist zwar Gebäudereiniger, aber derzeit ohne Job.

Und man bekommt ja auch was geboten hier. Tolle Sonnenaufgänge zum Beispiel. Die hat Elvis schon öfters fotografiert. Oder zu Ferienbeginn das Defilee der Fahrzeugschlangen. Und wenn die Autobahn mal leer ist, kann Elvis auf seinem Balkon Formel-Eins gucken – „ohne Eintritt". Dann kommen die Raser mit den aufgetunten VW Golfs. Oder es passieren Unfälle.

Zweimal hat es an der Straßenbahn schon gekracht, auf der Autobahn kracht es eigentlich jede Woche.

Elvis hat eine so genannte „Mittelwohnung“ – alle Zimmer liegen nach vorne raus, zum Lärm hin. Natürlich hat die Gesobau Lärmschutzfenster eingebaut. Die schlucken auch ordentlich was weg. Aber der Mensch möchte ja lüften. Einmal versuchte ein Kumpel, bei ihnen im Wohnzimmer zu übernachten, weil er die letzte S-Bahn verpasst hatte. So um 5 Uhr morgens war er mürbe und machte sich zu Fuß auf den Heimweg.

Wenn Elvis seine alten Platten hört, ist der Lärm von draußen völlig verschwunden. Dann kommt er zur Ruhe und genießt. Vielleicht dringen noch die dezenten Erschütterungen der schweren Lastwagen oder von den Harley-Davidson-Motorrädern in seinen Körper. Aber das vermischt sich dann harmonisch mit den good vibrations von Count Basie und Duke Ellington.

..Elvis mag Autos, besonders die amerikanischen. Wenn er so viel Geld hätte wie einst der King of Rock’n’Roll, würde er sich einen restaurierten 56er Cadillac Colorado kaufen, in Blau, mit schönem Motorgeräusch. Und ein Haus am See mit Motorboot und Garage. Aber Elvis, der Gebäudereiniger ohne Job, ist Realist. „Wegziehen wollen wir nicht mehr.“

Sagt es und nimmt einen Schluck schwarzen Kaffee. Wenn die kleine Tochter groß ist, machen sie aus dem Kinderzimmer vielleicht ein Schlafzimmer. Den Lärm von draußen werden sie dann längst vergessen haben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben