EM 2008 : Deutsch-türkisches Sommermärchen

Nach dem Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft feierten die Berliner eine kulturübergreifende Party. Aber lässt sich das Gefühl des Miteinanders aufrechterhalten?

Jan Oberländer
Feiern
Türken und Deutsche feierten gemeinsam. -Foto: ddp

Am Tag danach schwelgten alle noch immer in Erinnerungen. Der schnurrbärtige Mann, der vor dem Vereinsheim des türkischen Fußballklubs Türkyemspor in der Kreuzberger Admiralstraße eine türkische und eine deutsche Fahne schwenkt. Die Mädchen im rot-weißen Dress, die Passanten „Herzlichen Glückwunsch!“ zurufen. Die türkischen Fans mit den deutschen Fahnen, die deutschen Fans mit den türkischen Fahnen, die gemischt besetzten Autos auf Hasenheide und Ku’damm.

Die Stimmung nach dem Spiel Deutschland-Türkei ist nicht im Geringsten zwiespältig. Es ist ein neues Berliner Sommermärchen: Statt Randale ein fröhliches, friedliches türkisch-deutsches Miteinander. Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat nie mit Problemen gerechnet. Man brauche sich doch nur die allgegenwärtigen Fähnchen ansehen. 80 Prozent der in Deutschland lebenden Türken hätten nicht bloß Rot-Weiß, sondern auch Schwarz-Rot-Gold geflaggt, schätzt er.

Ein Ausnahmeereignis – oder lässt sich die offene Stimmung, das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Nacht für die Zukunft bewahren? Kolat plädiert dafür, eine „Anerkennungskultur“ zu entwickeln, die Deutschtürken Möglichkeiten bietet, sich gesellschaftlich einzubringen. „Diese Menschen sehen dieses Land als ihr Land an. Aber sie wollen auch ihre türkische Kultur anerkannt wissen.“ Als ein erstes „einfaches politisches Signal“ schlägt Kolat die Abschaffung des Optionsmodells vor, das türkischstämmige Jugendliche verpflichtet, sich mit 18 Jahren für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden.

Grundsätzlich findet Kolat es wichtig, dass Menschen „untereinander in Kontakt kommen und kommunizieren“. Wie am Mittwochabend etwa am Kottbusser Tor, wo Deutsche und Türken gemeinsam feierten. Ein konkreter Ansatzpunkt wäre für Kolat ein „Oma-Opa-Projekt“, das ältere Deutsche mit türkischen Kindern und Jugendlichen zusammenbringt. So würden sprachliches und kulturelles Verständnis gefördert.

Der grüne Politiker Özcan Mutlu war ebenfalls sehr zufrieden mit der Botschaft des multikulturellen Fußballabends. „Trotz aller Probleme scheint da etwas richtig zu laufen.“ Türkischstämmige Jugendliche seien zwar oft auf Identitätssuche. In Deutschland aber seien sie „längst angekommen“. Nun müsse die Politik die durch die EM entstandene Chance nutzen, um die Jugendlichen „für diese Gesellschaft zu gewinnen“.

Ein anderes wichtiges integrationspolitisches Instrument ist der Sport, das sieht der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedbert Pflüger genauso wie Innensenator Erhart Körting (SPD). Auch darum unterstütze der Senat viele Sportevents, ließ Körting mitteilen. Etwa das Projekt „Kids in die Clubs“, das Kindern aus sozial schwachen Familien die Beitragszahlung für Vereinsmitgliedschaften erleichtern soll. Für Pflüger ist zudem die Bildung ein entscheidender Faktor, vor allem „das Erlernen der deutschen Sprache“. Gemeinsamer Jubel ja, aber bitte auf Deutsch?

Körtings Bild, „dass in vielen Türken auch ein deutsches Herz schlägt“, wie das Fußballfest am Mittwochabend gezeigt habe, nahm Özcan Mutlu wörtlich. In der gestrigen Parlamentssitzung trug er ein T-Shirt mit aufgedrucktem Herz in deutsch-türkischen Farben. 200 dieser Shirts mit der Aufschrift „Die Freundschaft soll siegen“ hatte Mutlu drucken und im Türkyemspor-Klub verteilen lassen. „Und die Freundschaft hat gesiegt!“, freute sich der Politiker.

Wie Mutlu hat der Senatsbeauftragte für Integration und Migration, Günter Piening, das Halbfinale an der Admiralsstraße geschaut. Für ihn war es eine „gute Erfahrung“, dass aus dem Fiebern für die jeweilige Mannschaft „etwas Gemeinsames“ entstanden sei. Integrationspolitisch sei jetzt „ein großes Stück mehr Gelassenheit angesagt“, sagte Piening. „Vielleicht sind wir weiter, als manche Schlagzeilen nahelegen.“ Allerdings sei der Alltag kein Fußballspiel. Integration dauert nämlich länger als 90 Minuten.

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